„Wir beschäftigen uns mit der Enträtselung von Objekten“

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„Abenteuer Forschung“ heißt die Sonderausstellung, in der das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg einen detaillierten Blick hinter die Kulissen eines kulturhistorischen Forschungsmuseums gewährt. Vom 27.06.2019 bis zum 06.01.2020 präsentiert die Ausstellung die Vielfalt musealer Forschung. Sie führt von der emotionalen Erfahrung des „Objekts als Rätsel“ über „alltägliche“ Forschungsthemen bis hin zu strategischen Überlegungen.

Anhand prägnanter Themen und jüngst beforschter Objekte wird die Verzahnung von kulturhistorischer und kunsttechnologischer Forschung am Germanischen Nationalmuseum vorgestellt. Welche Rolle die Restauratoren in der musealen Forschung spielen, darüber sprach Gudrun von Schoenebeck von der Online-Redaktion des VDR mit dem Restaurator Oliver Mack, der seit 2011 das Institut für Kunsttechnik und Konservierung am Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg leitet.

 

Herr Mack, in dieser Ausstellung beschäftigt sich das Museum mit der eigenen Arbeit. Warum ist das wichtig?

Oliver Mack: Das Ziel der Ausstellungen ist es die Forschung am Museum für eine breitere Öffentlichkeit transparenter zu machen. Geisteswissenschaftliche Forschung im Medium der Ausstellung zu popularisieren ist dabei längst noch keine Selbstverständlichkeit. Deshalb gilt es auch die entsprechenden Formate weiterzuentwickeln. Das Germanische Nationalmuseum als Forschungsmuseum der Leibniz-Gemeinschaft sieht sich hier in einer Vorreiterrolle. Darüber hinaus ist die Ausstellung die Abschiedsveranstaltung unseres Generaldirektors Prof. Dr. G. Ulrich Großmann, der sich  nach 25 Dienstjahren in den Ruhestand verabschiedet.

An Hands-on-Stationen können Besucher in der Ausstellung „Abenteuer Forschung“ selbst erleben, wie unterschiedlich Farben bei der Bestrahlung durch verschiedene Lichtquellen wirken. (Foto: GNM / Dirk Messberger)

Welche Inhalte sollen in der Ausstellung vermittelt werden?

Oliver Mack: Die Forschung am Museum beschäftigt sich mit der Enträtselung von Objekten. Entsprechend leitet die erste Ausstellungssequenz mit sogenannten W-Fragen ein, die uns beim Erschließen der Objekte helfen: was (ist es), wer (hat es), wann, woraus und wozu geschaffen? Es ist uns außerdem wichtig zu zeigen,  wie dynamisch diese Forschung ist. Wenn man Geschichte als Konstrukt versteht, dienen die Objekte selbst als Quelle, als Korrektiv, das immer neu befragt werden muss.  Wie spannend diese Aufgabe ist, wollen wir den Besuchern vermitteln. In einer abschließenden Sequenz werden sogenannte Megatrends, wie zum Beispiel „Globalisierung“ oder „Gendershift“ mit einer Auswahl von Objekten in Beziehung gesetzt, um anzuregen darüber nachzudenken wie zeitlos und hochaktuell diese Bezüge auch in Zukunft sein können.

Um der Herstellungstechnik einer Barock-Gitarre aus der Zeit um 1685 auf die Spur zu kommen, wurde im Institut für Kunsttechnik und Konservierung ihr Korpus im Stil der „experimentellen Archäologie“ nachgebaut. (Foto: GNM / Dirk Messberger)

Welche Rolle spielen die Restauratoren im Gefüge eines kulturhistorischen Forschungsmuseum?

Oliver Mack: Zunächst dieselbe, wie in anderen Museen auch. Von den Grundaufgaben der Museen ist der Aspekt der Forschung aber vielleicht etwas stärker im Fokus, so dass sich trotz der Alltagsarbeit und dem veralteten Tarifvertrag beispielsweise Konservierungsfragen konsequenter verfolgen lassen. Hilfreich ist dabei sicherlich auch, dass die Einzelnen sich in unserem verhältnismäßig großen Team aus 30 Restauratorinnen und Restauratoren entsprechend spezialisieren können und der große Betrieb eine entsprechende Ausstattung rechtfertigt. In der strategischen Ausrichtung unseres Forschungsmuseums wurde außerdem erkannt, wie wertvoll die Verknüpfung kulturhistorischer Hintergründe mit den Beobachtungen zur Materialität der Objekte ist. Das schlägt sich in zahlreichen Forschungsprojekten nieder und stärkt den Stellenwert der Kunsttechnologie. Wir Restauratoren sind natürlich Teil der interdisziplinären Arbeit am Objekt. Um die historischen Gegenstände in ihrer Bedeutung zu verstehen, hat es sich als besonders ertragreich erwiesen, die Fragestellungen in der Gruppe zu entwickeln und zu schärfen. Die Beteiligten müssen dabei möglichst viel vom Fach des Anderen wissen und entsprechendes Verständnis haben. Im Idealfall ist es hinterher gar nicht mehr klar, wer wen auf welchen Aspekt aufmerksam gemacht hat. Konsequenterweise werden auch Einträge in Bestandskatalogen zunehmend im Team verfasst.

Blumenstillleben, 17. Jahrhundert, Arrangement und Umarbeitungen: 19. Jahrhundert, Öl auf Leinwand, 75 cm H x 59 cm B (Germanisches Nationalmuseum Nürnberg)

Können Sie uns weitere Beispiele nennen, was in der Ausstellung konkret zu sehen sein wird?

Oliver Mack: Wir sind ein kulturhistorisches Museum – die gezeigten Objekte in der Ausstellung decken eine entsprechende Bandbreite ab. Vom Wurstbügel über einen Bakelit-Lautsprecher, bis hin zu Gemälden von Dürer oder Rembrandt. Im Mittelpunkt stehen aber die Geschichten bzw. die Forschungen, mit denen sie verbunden sind. Vom Hinterfragen von Superlativen, wie der vermeintlich frühesten Taschenuhr, bis hin zu abstrakteren Themen aus der Konservierungsforschung, wie zum Beispiel Schadstoffen in Vitrinen oder der musealen Beleuchtung, mit denen wir uns in den vergangenen Jahren intensiver beschäftigt haben.

Der kunsttechnologische Objektzugang, der beim „Befragen“ der Gegenstände eine so zentrale Rolle spielt, nimmt dementsprechend breiten Raum ein. Dabei versuchen wir den Fokus nicht zu sehr auf einzelne Geräte oder spektakuläre Analyseverfahren zu lenken, sondern die detektivische Arbeit in den Vordergrund zu stellen, wozu im Einzelfall auch die handwerklichen Rekonstruktion einer aufwändig gearbeiteten Barockgitarre hilfreich sein kann.

Blumenstillleben, 17. Jahrhundert, Arrangement und Umarbeitungen: 19. Jahrhundert, Öl auf Leinwand, 75 cm H x 59 cm B (Germanisches Nationalmuseum Nürnberg)

In der Ausstellung wird es auch eine sogenannte Forschungs-Lounge geben, in der die die Besucher einerseits Kontakt zu Forschungsergebnissen, Publikationen und Datenbanken bekommen können und die andererseits Raum für Gespräche und Teile des ausführlichen Begleitprogramms bietet. Besonderen Stellenwert hat dabei die direkte Vermittlung in Form verschiedener Führungsformate, in denen z.B. Restauratoren und Kunsthistoriker aus erster Hand erzählen.

Ein konkretes Beispiel in der Ausstellung ist ein Blumenstillleben aus dem 17. Jahrhundert. Die Untersuchung hat ergeben, dass das Bild im 19. Jahrhundert aus 28 einzelnen Segmenten, die aus einem bestehenden Gemälde ausgeschnitten wurden,  neu arrangiert wurde. Die Röntgenaufnahme gibt ein klares Bild des Pasticchios, durch die Untersuchung und die Analyse der Pigmente konnten wir rekonstruieren, wann was geschah. Im Spannungsfeld zwischen drastischer Reparatur, Fälschung und Original lassen sich damit hochinteressante Bezüge herstellen.

Die Ausstellung ist sicherlich keine Restaurierungsausstellung, in der Restauratoren viel fachlich Neues erfahren. Aber als Experimentierfeld um einer breiten Öffentlichkeit komplexe Themen der kulturhistorischen Forschung zugänglich zu machen, ist sie sicherlich auch für Restauratoren von großem Interesse.

Bildgebende Verfahren machen sichtbar, was das bloße Auge nicht erkennt: Die Blüten dieses Blumenstillebens wurden einst aus anderen Gemälden ausgeschnitten und neu zu dieser Komposition zusammengefügt – wie die Röntgenaufnahme (linker Bildstreifen Mitte) offenbart. (Foto: GNM / Dirk Messberger)

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