100 jahre bauhaus Übernachten im Atelierhaus mit dem Geist der Moderne

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Um dem Bauhaus im Jubiläumsjahr ein wenig näher zu sein, kann man dort auch einfach mal übernachten. Im sogenannten Prellerhaus, wo einst die Studenten lebten, werden heute Zimmer an Touristen vermietet. Ob er hier noch zu spüren ist, der Geist der Moderne?

Der Eingang war gar nicht so leicht zu finden, aber jetzt bin ich drin, im Ateliergebäude des Bauhauses. Und hier, in der Gropiusallee 38 in Dessau, soll er noch anzutreffen sein, der Geist der Moderne. Es ist Oktober 2015 und ich komme vom Restauratorentag, der in der Lutherstadt Wittenberg stattgefunden hat, das ist mit dem Auto nur eine halbe Stunde entfernt. Der inhaltliche Sprung von Luther und der Reformation bis zu Gropius und dem Bauhaus gelingt recht schnell – schließlich fällt beides gewissermaßen unter Avantgarde.

Ein Schulgebäude mit Studentenwohnheim – 1926 eine kleine Sensation

Den Zimmerschlüssel habe ich mir im Raum 1.31 des Bauhausgebäudes abgeholt. Einem Büro, in dem die freundlichen Damen neben ihrer normalen Tätigkeit hin und wieder Hausgästen Schlüssel und Instruktionen aushändigen. Die sachliche Atmosphäre setzt sich fort im unzeremoniell einfachen Treppenhaus, in dem man durch die unterschiedliche Farbgebung der Etagen auf Bauhaus-Ideen eingestimmt wird. Das unterste Stockwerk, die sogenannte „Damenetage“, ist blau. Hier wohnten die größtenteils in der Weberei beschäftigten Studentinnen. Die beiden folgenden Stockwerke, deren Flurdecken Hinnerk Scheper rot, beziehungsweise gelb hatte streichen lassen, wurden von den Schülern der anderen Werkstätten und der Malklasse bewohnt. Das oberste, weiße Geschoss, war den Architekten vorbehalten.

Man muss sich klar machen, dass die gesamte Idee eines eigens dafür ausgelegten und in das Schulgebäude integrierten Studentenwohnheims 1926 bei der Eröffnung eine kleine Sensation war. Schnell erhielt das Ateliergebäude den Beinamen „Prellerhaus“, der auf den Landschaftsmaler Friedrich Preller den Älteren zurückgeht. Er hatte im 19. Jahrhundert Weimarer Kunststudenten ein Obdach gegeben, das später auch die Bauhäusler nutzten.

Nun also konnten die Studenten dort leben, wo sie arbeiteten. Vom Prellerhaus gibt es einen direkten Zugang zur Kantine und von dort aus zum Werkstattgebäude. Das war einmalig in der damaligen Hochschullandschaft. Entsprechend begehrt waren die Ateliers – zum Mietpreis von 20 Reichsmark, einschließlich Reinigung und Gas. In jedem Semester wurden die Ateliers deshalb neu vergeben, der Vorlauf betrug im Regelfall vier bis fünf Wochen. Die restlichen, weniger privilegierten Studenten wohnten traditionell zur Miete in möblierten, gründerzeitlichen Wohnungen oder in Siedlungen am Rande der Stadt.

Die kleinen Balkone wurden zum Treffepunkt

Ich habe mein Zimmer in der gelben Etage und versuche mir vorzustellen, wie die jetzt verlassenen Flure einst mit (avantgardistischem) Leben gefüllt waren. Gefeiert wurde ausgiebig und „in den Etagenküchen fand ein reger Austausch von nationalen Rezepten der verschiedensten Heimaten statt. … Von allen Rezepten erfreuten sich in Butter geröstete Zwiebeln größter Popularität, wahrscheinlich aus Gründen der Simplizität und Ökonomie“, schrieb der Maler Xanti Schawinsky, der Bühnengestaltung am Bauhaus lehrte. Sieben Wohnateliers lagen auf einer Etage, die Ausstattung war mit Teeküchen, Etagenduschen und rund 20 Quadratmeter großen Zimmern für damalige Verhältnisse luxuriös. In den einzelnen Ateliers gab es Einbauschränke, Sofanischen, Waschgelegenheiten und vornehmlich von Marcel Breuer entworfenes Stahlrohrmobiliar.

Ein wenig Fantasie braucht es heute schon, denn das Zimmer, in dem ich übernachten werde, versprüht eher den Charme eines Krankenhausdreibettzimmers, in dem ein paar Betten fehlen. Aber der rote Linoleumboden macht einiges wett, das Waschbecken im Zimmer erweist sich als sehr praktisch und die Aussicht ist großartig. Wie sich bald herausstellt, wird der Balkon jedoch zur echten Herausforderung. Höhenangst habe ich normalerweise keine, aber der Schritt zum Geländer an der Vorderseite fühlt sich an wie ein Balanceakt am Rande des Nichts.

Von den 28 Zimmern hatten 16 diesen eigenen kleinen Balkon, der auch heute noch die Nordfassade des fünfstöckigen Gebäudes unverkennbar macht. Auf den Balkonen traf man sich zum miteinander reden, essen oder musizieren. Wahrscheinlich gewöhnt man sich an das niedrige minimalistische Geländer, aber ich kann Marianne Brandt verstehen, die vom Frühjahr 1927 bis Herbst 1929 das Atelier 302 im Prellerhaus bewohnte: „Auch ich brachte es wenigstens zum freien Sitzen auf dem Geländer meines kleinen Balkons, wiewohl ich doch erst einen Schwindelanfall bekam, wenn andere es taten!“

Etagen-Duschen gibt es immer noch

Auch das Dach des Prellerhauses wurde damals zum Treffpunkt, bei dem sich Studenten und Lehrer begegneten. Dort wurden Gymnastikkurse gegeben, die anders als noch in Weimar, der reinen Fitness dienten, ohne esoterischen Überbau. Es gibt etliche Fotos aus der Zeit, in der zu sehen ist, wie die Brüstung als Bank benutzt wird. Übrigens soll die enge Verbindung von Leben und Lehre zu 71 Bauhaus-Ehen geführt haben – mit entsprechend hoher Dunkelziffer von Liebschaften.

1930 ließ der dritte und letzte Direktor Ludwig Mies van der Rohe das Gebäude radikal umbauen. Aus mehreren Ateliers wurden große Klassenräume, in denen unter anderem Josef Albers‘ Vorkurse stattfanden. Kandinsky unterrichtete seine Schüler hier im freien Zeichnen. Seit einer denkmalpflegerischen Sanierung 2006 kann das Prellerhaus auch von Touristen bewohnt werden. Heute stehen 16 Einzelzimmer, 6 Doppelzimmer und ein re-inszeniertes Einzelzimmer für das extra Bauhaus-Gefühl zur Verfügung. Etagen-Duschen gibt es immer noch, allerdings wurden sie im vergangenen Jahr (2018) so umgebaut, dass es statt der Gemeinschaftsdusche mit vier Duschen nebeneinander jetzt Einzelkabinen gibt.

Ich hingegen komme am nächsten Morgen noch in den Genuss der alten Dusche mit Aussicht, die nach kurzer Absprache mit dem einzigen anderen Gast auf meiner Etage von uns nacheinander benutzt wird. Nach einem guten Frühstück im Bistro (nicht im Übernachtungspreis inbegriffen) kann dann der eigentliche Bauhaus-Aufenthalt mit geführten Besichtigungen durch das Gebäude und die Meisterhäuser beginnen.

Jetzt, im Jubiläumsjahr, ist die Nachfrage nach Übernachtungen im Prellerhaus groß. Eine aktuelle Anfrage (Mai 2019) ergab, dass es insbesondere an den Wochenenden bis Dezember derzeit keine freien Doppelzimmer gibt. Unter der Woche und mit ein wenig Flexibilität kann es trotzdem gelingen, ein Einzelzimmer (40 Euro) zu bekommen.

Weitere Informationen und Buchungsanfragen

Text: Gudrun von Schoenebeck
Mitarbeiterin VDR Öffentlichkeitsarbeit

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