Von der Skulptur aus Yakbutter bis zur Fettecke von Beuys Butter als Werkstoff in der Kunst und Kulturgeschichte

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Die legendäre Fettecke von Joseph Beuys ist nun schon fast 60 Jahre alt. 1963 wird die „Fettecke in Kartonschachtel“ in der Kölner Galerie Zwirner ausgestellt, es ist vermutlich der erst konkrete Einsatz von festem Speisefett im Werk von Beuys. In den Folgejahren wird er das ungewöhnliche künstlerische Material – vor allem handelsübliche Margarine verschiedener Marken – immer wieder einsetzen. Beuys ist der bekannteste Künstler, dessen Name man mit Fett in Verbindung bringt, aber andere Künstler:innen nach ihm verwenden ebenfalls Butter, beziehungsweise Streichfette in ihrer Kunst, darunter Andrea Tippel, Mike Kelly und Paul McCarthy bis hin zur Gegenwartskünstlerin Sonja Alhäuser.

Butter aus restauratorischer Sicht

Auch für Dipl.-Restauratorin Gesine Betz sind Butter und butterähnliche Speisefette als Werkstoffe von Kunst- und Kulturobjekten von besonderem Interesse. Sie hat sich aus restauratorischer Sicht intensiv mit diesem Material auseinandergesetzt  und ihre Masterarbeit dem Thema gewidmet. In der aktuellen Ausgabe des VDR Fachmagazins „Beiträge zur Erhaltung von Kunst- und Kulturgut“ gibt sie einen spannenden Überblick über die Verwendung von Butter und ihren Surrogaten als Werkstoff zum plastischen Gestalten von Kulturgegenständen und Kunstwerken vom Mittelalter bis zur Gegenwart.  

Jan Brueghel .d.Ä., Besuch auf dem Pachthof, um 1597, Kunsthistorisches Museum Wien. Darstellung eines Butterhutes auf der Tischmitte. Im Hintergrund stellen zwei Personen Butter im Stoßbutterfass her. (© KHM Museumsverband)

Ihr Interesse am Thema rühre von der Beschäftigung mit Beuys her, erzählt Gesine Betz, die am Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin und am Hessischen Landesmuseum Darmstadt mit Werken von Beuys in Berührung kam. Bei ihren Recherchen zur Masterarbeit stößt sie auf die rituelle Verwendung von Yakbutter in Tibet, was auch Beuys bekannt gewesen ist. In einigen Zeichnungen bezieht er sich ausdrücklich darauf. Die buddhistischen Mönche im tibetischen Hochland fertigen bis heute Mandalas aus Yakbutter an und modellieren menschengroße farbige Butterskulpturen im Kloster Kumbum für die mehrtägigen Feierlichkeiten zum Mönlam-Fest. Diese über 400-jährige Tradition wurde 2006 in die Liste des nationalen immateriellen Kulturerbes der Volksrepublik China aufgenommen.

Von der feudalen Küche zum Massenprodukt

In der westlichen Welt werden die ersten Butterskulpturen bei adeligen Festbanketten im 16. und 17. Jahrhundert erwähnt, wo sie als Tischdekoration eingesetzt wurden. Seit der Renaissance erscheint die Butter dann auch als Kochzutat in italienischen und englischsprachigen Kochbüchern, welche die damalige feudale Küche widerspiegeln. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts erlangte die amerikanische Bäuerin Caroline Shawk Brooks mit ihren Butterskulpturen einige Bekanntheit. Das von ihr geformte Relief aus Butter „Dreaming Iolanthe“ war auf der Weltausstellung 1876 in Philadelphia ausgestellt. Später entdeckte das expandierende Molkereigewerbe die Butterfiguren als ideale Reklame für sich. Die Butter wurde zwar zu dieser Zeit bereits in größeren Mengen industriell hergestellt, blieb aber weiterhin ein Lebensmittel der vermögenden Oberschicht. Das beschleunigte die Entwicklung von Margarine, einem preisgünstigeren Konkurrenzprodukt. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg, mit der Einführung von Kühlschränken in Privathaushalten und nochmals gesteigerter Liefermengen von Kuhrohmilch wurde die Butter zu einem erschwinglichen Massenprodukt.

Die Butterskulptur „Dreaming Iolanthe“ von Caroline Shawk Brooks wurde auf der amerikanischen Weltausstellung 1876 in Philadelphia im Women’s Pavilion ausgestellt. (Foto: Courtesy of the Library of Congress, Washington D.C., USA)

Ein derart schnell vergänglicher und instabiler Werkstoff birgt aus restauratorischer Sicht besondere Herausforderungen. „Für eine stabile Aufbewahrung ist das Umgebungsklima der bedeutendste Faktor“, sagt Gesine Betz. „Präventive Maßnahmen spielen eine große Rolle, so z.B. maximale Temperaturwerte, die unterhalb des Schmelzpunktes der Butter liegen müssen. Wenn außerdem Licht und Sauerstoff reduziert werden, kann man den Prozess des Verderbs verlangsamen, gänzlich aufhalten lässt er sich nicht. Irgendwann oxidiert das Fett, der Säuregrad nimmt zu und das Material verändert sich auch optisch.“

Erforschung der Beuys’schen Materialien

Hier, meint Gesine Betz, gebe es noch viel zu erkunden. „Interessanterweise gibt es über die Materialien und beispielsweise den Materialmix, den Beuys verwendet hat, recht wenig an Forschung. Da tauchen auch durchaus Widersprüche auf, etwa wenn Beuys sagte, dass er bestimmte Materialien verwendet habe, diese aber tatsächlich andere waren. Sein von ihm so genannter „Fettstuhl“ ist nicht in Fett sondern in Bienenwachs ausgeführt worden.“ Gesine Betz hat festgestellt, dass heute nicht immer genau nachgefragt wird, welche Materialien tatsächlich vorliegen. „Hier können wir einen wichtigen Beitrag leisten, denn das wissenschaftliche Erforschen der Materialien gehört mit zu den eigentlichen Aufgaben von Restauratoren.“ Und manchmal muss auch gar nichts erhalten bleiben. Etwa wenn die Künstlerin Sonja Alhäuser, die sich mit dem Thema Vergänglichkeit in ihren oft ephemeren Arbeiten beschäftigt, ein „Bankett ohne Anlass“ inszeniert. Dann dürfen die Gäste alles, was an kunstvollen Skulpturen aus Fett und anderen Materialien nach Art eines barocken Festmahls aufgebaut wurde, einfach aufessen.

Der Beitrag „Butter und butterähnliche Speisefette als Material von Kunst- und Kulturobjekten“ von Gesine Betz ist in Heft 2/2020 der „Beiträge zur Erhaltung von Kunst- und Kulturgut“, S. 34 ff nachzulesen. Für VDR-Mitglieder kostenlos im Downloadbereich des internen Mitgliederbereiches zu finden oder auch für jedermann im VDR-Shop erhältlich.

Zur Person:
Die Dipl.-Restauratorin Gesine Betz M.A. ist seit 2018 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule der Künste Bern im Fachbereich Konservierung und Restaurierung. Zuvor war sie fast 10 Jahre lang als Restauratorin in Museen tätig.

Text: Gudrun von Schoenebeck, VDR Online-Redaktion

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