Das "indische" Büro in der Taubenstraße Ankunft der Restauratoren in Berlins Mitte

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Mit einem Hechtsprung in die Taubenstraße 1 ist der VDR in Berlins historischer und politischer Mitte angekommen. Der berufspolitische Sprecher des VDR, Paul Grasse, berichtet in seinem Blog über die Ankunft in der Taubenstraße.

Der Name der Taubenstraße leitet sich her entweder von den Tauben des Krieges, denen unweit ein Spital gebaut worden war, oder aber von den Tauben des Kurfürsten, denen lange vorher schon ein Haus am Ort entstanden war. Leider sind alle Namenskalauer damit verbrannt. Das Haus selbst ist Teil des denkmalgeschützten Ensembles „90906005“ in der Liste der Kulturdenkmale – ein Ensemble architektonischer Gewalttaten des wilhelminischen Reiches: grau, wuchtig, abweisend. Komplett mit erhaltenen Fackelhaltern an der Außenwand – falls uns doch noch mal der Strom ausgeht oder der politische Wind weiter so steif von rechts kommt. In den Innenräumen spürt man die bedrückende Ästhetik nicht, sondern kann sich über helle und hohe Räume freuen. Die Treppe ins erste Obergeschoss ist ein Beleg dafür, dass nicht jeder Handwerker ein Restaurator ist. Jede Treppenstufe ist mit Brachialgewalt beschädigt worden. Nicht 1-, nicht 2-, sondern viermal. Und zwar auf jeweils beiden Seiten. Es ist nicht uncharmant, jedem Besucher auf dem Weg ins Büro deutlich zeigen zu können, warum Denkmalschutz Restauratoren braucht.

Schräg gegenüber eine kleine grüne Überraschung: Das Schleiermacherhaus und sein Hofgarten. Die Archive der Nachbarn haben einen wunderschönen Blick in diese etwas aus dem architektonischen und zeitlichen Rahmen seiner Nachbarn fallende Komposition. Sie nimmt nicht, wie ich jahrelang annahm, weil es das schönste Gebäude im weiteren Umkreis ist, die Bundeskanzler auf, sondern funktioniert als schöner Nutzbau der protestantischen Kirche, was zumindest der aktuellen Kanzlerin auch nicht ganz fern sein dürfte. Im Süden – auf dem Gelände der ehemaligen Dreifaltigkeitskirche, deren Umrisse mit Ziegeln und Pflaster in die Straße eingelassen wurden – schließt die nordkoreanische Botschaft an, die genauso aussieht, wie man sich eine nordkoreanische Botschaft vorstellt, und die daneben liegende Jugendherberge. Letztere ist in Besitz der Botschaft, sieht dieser ziemlich ähnlich und beherbergt neben Schulklassen auch immer wieder Besuchergruppen des Bundestages. Eine ganz feine Ironie, wie ich finde. Nur der U-Bahnhof Mohrenstraße trennt uns vom nordkoreanischen Block. So mancher nicht-Mohr findet die Debatte um den Namen von Straße und U-Bahnhof überflüssig. Seit mir eine andere nicht-Mohrin am Samstag ungefragt erklärte, sie würde ja immer noch „Neger“ sagen und hätte zu Hause sogar einen, der klingele, wenn man seine Nase drücke, unterstütze ich die Umbenennungsinitiative von 2009, als ein rosa Hase den Straßennamen mit zwei Pünktchen zu Möhrenstraße korrigierte.

Außerdem gleich nebenan finden sich das Arbeitsministerium, das Kleisthaus mit der aktuellen Ausstellung „Ich male, also bin ich“ und die Thüringer Landesvertretung. Neben letzterer wird zum High Noon originale Thüringer Bratwurst gegrillt. Außerdem feiert Thüringen 100 Jahre Bauhaus – auch in Form einer Fensterbeklebung. Eine Ausstellung zum Thema beherbergt das Haus leider nicht. Eine Ecke weiter liegt das Tschechische Zentrum. Ästhetisch bemerkenswert … und braun. Die Fenster tragen die Färbung einer Pilotenbrille. Drinnen finde ich die archint-19182018, eine Ausstellung zur tschechisch-slowakischen Architekturwende des frühen 20. Jahrhunderts nach der Befreiung aus den Zwängen der KuK-Monarchie.

Die Fenster unseres Hauses waren bis vor kurzem ebenfalls beklebt, weil der BND und seine Abteilung „Schadensabwicklung“ sich besonders sicher fühlen wollte. Aber psssst! – das weiß nämlich niemand. Aus eben jenem Grund wurden auch sämtliche Telekommunikationskabel vor Auszug der Alleswissenwoller im Keller gekappt. Wirklich physisch gekappt. Das wurde der Telekom offenbar nicht erklärt, weshalb ich mich auf den dritten Besuch des Technikers freue und hoffe, am Ende des heutigen Tages einen Telefonanschluss zu haben. Zwölf DSL-Buchsen habe ich ja bereits.

Das ganze Karreé („Block“ auf Frankoberlinisch) wurde ab 1913 von der Allianz-Versicherung bebaut, als das Kaiserreich sich anschickte, seinen letzten tödlichen Atemzug zu tun. Später – nachdem sich jedes Reich seine Nummer gegeben hatte – zog in den südlichen Teil des Blocks die deutsch-sowjetische Freundschaft ein und verewigte sich innenarchitektonisch: Betritt man die Empfangshalle, taucht man in ein immer noch unbeschädigtes Ensemble stalinistischer Ästhetik ein. Selbst die trockenen grauen Kunststoffblumengestecke scheinen Originale zu sein. Am südlichen Ende – in dem sich die Taubenstraße 1 befindet – zog 1945 das Komitee der Kämpfer für den Frieden und 1947 der Verlag Volk & Welt ein. Bekannt ist letzterer vielleicht auch in den alten Bundesländern durch die unvergessliche Reihe „Jazz – Lyrik – Prosa“ ab 1965 mit Manfred Krug – oder als Verlag des Wenderomans „Helden wie wir“.

Nicht nur geografisch sind die Restauratoren nun in der Mitte angekommen – sondern vor allem kulturell mitten im Leben. Die Nachbarn machen die Musik. Teilweise sogar wörtlich – wie die Union Deutsche Jazzmusiker. Mein Büro nenne ich gern das indische, weil es ganz am Ende des Ganges liegt. Auf dem Weg dahin laufe ich an all unseren Nachbarn vorbei, beginnend mit dem Deutschen Kulturrat. Weiter geht’s vorbei an den Kolleginnen von „Pro Quote Film“, an den Büros des Berufsverband der Bildenden Künstler, dem Museumsbund und NEMO, der Internationalen Gesellschaft der Bildenden Künste, bis ich vor dem Büro des Landesverbandes Berliner Galerien stehe und weiß, dass ich mich nun nur noch umdrehen muss, um schließlich bei den Restauratoren aufzuschlagen.

1 Comment

  1. Veröffentlich von Barbara Friedrich am 14. September 2018 um 18:16

    Geistreich geschrieben, amüsant zu lesen! Weiter so!

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