Ein Besuch im Wallraf Richartz Museum in Köln Expedition Zeichnung – Pingpong zwischen Kunstgeschichte und Kunsttechnologie

Für die Ausstellung „Expedition Zeichnung – Niederländische Meister unter der Lupe“, die noch bis zum 15.03.2026 im Kölner Wallraf-Richartz Museum läuft, ist der Begriff „Expedition“ treffend gewählt. Das Museum stellt hier erstmals die erstaunlichen Ergebnisse eines Forschungsprojekts vor, in dem knapp 1.000 Blatt niederländischer Zeichnungen, davon fast 850 aus der Zeit zwischen dem 15. bis 18. Jahrhunderts intensiv untersucht wurden. Während der mehrjährigen Expedition – mit manchmal ungewissem Ausgang – arbeiteten Expert:innen aus Kunstgeschichte und Kunsttechnologie eng zusammen.


Gezeigt werden insgesamt 90 Werke von Meistern wie Rembrandt, Rubens, Goltzius und auch weniger bekannten Künstler:innen. Die „Expedition Zeichnung“ schlägt dabei Schneisen durch unerforschtes Terrain und erzählt Geschichten hinter den Arbeiten. Das Publikum kann kuriose Entdeckungen, geänderte Zuschreibungen (insgesamt 170) und vor allem auch die systematische Vorgehensweise der Wissenschaftler:innen in ihrer Forschungsreise verfolgen.

Unter der Leitung von Anne Buschhoff, Leiterin der Graphischen Sammlung, forschte im Wallraf dreieinhalb Jahre (von 2021 bis 2024) ein ganzes Team: Annemarie Stefes, freischaffende Expertin für Altmeisterzeichnungen, widmete sich intensiv dem Wallrafbestand von niederländischen Zeichnungen des 15. bis 18. Jahrhunderts aus kunsthistorischer Perspektive. Thomas Klinke, Kunsttechnologe und Graphikrestaurator am Wallraf, analysierte die Blätter material- und papiertechnologisch. Bei der Restaurierung zahlreicher Werke unterstützten ihn Sabrina Hehl und Melanie Lindner.


Auf den oberen beiden Bildern sind zwei echte Besonderheiten zu sehen. Die Zeichnung von Christus als Salvator Mundi wurde mit tiefbrauner Tusche auf eine dünne Elfenbeinplatte aufgetragen – ein sehr unübliches Trägermaterial für eine Zeichnung. Die Zeichnung imitiert einen Kupferstich mit seinen charakteristischen Schraffuren und verschiedenen Sticharten. Auch die Zeichnung rechts mit der Heiligen Barbara verblüfft. Johannes Wierix hat mit tiefschwarzer Tusche einen Holzschnitt nachgeahmt, nach einer Vorlage von Hans Baldung Grien. Für solche „Kunststücke“ gab es wahrscheinlich einen eigenen Markt.

Sehr schön erlebbar wird in der Ausstellung, wie sich Kunstgeschichte und Kunsttechnologie die Bälle zuspielen und voneinander profitieren. Jede Zeichnung wurde ausführlich untersucht – sowohl mit dem kennerschaftlichen Blick als auch mit den digitalen Möglichkeiten des vergleichenden Sehens. Kunsthistorischer und materialtechnischer Befund gehören zusammen und werden nicht separat voneinander bewertet. Hierfür wurden zum Beispiel Wasserzeichen fotografisch erfasst und über Datenbanken zugänglich gemacht, die Papierstruktur wurde vermessen und neben dem Blick durchs Mikroskop und der Nutzung von Auf-, Streif- und Durchlicht kommen reflektografische Untersuchungsmethoden im ultravioletten und infraroten Bereich hinzu. Vergleichende KI-Software, etwa bei den Wasserzeichen, setzt man mittlerweile ebenfalls ein. So können kunsthistorische Arbeitsthesen kunsttechnologisch bestätigt werden – oder auch nicht – und kunsttechnologische Ergebnisse wiederum kunsthistorisch ausgewertet werden.

Ein Beispiel dafür ist eine Neuzuschreibung, die sich erst „im wissenschaftlichen Pingpong zwischen Kunstgeschichte und Kunsttechnologie ergab“ (Anne Buschhoff im Katalog). Das „Bildnis einer Dame“ (oben rechts) und das „Bildnis eines Mädchens“ (oben links) wurden bis vor Kurzem dem Porträtisten Wallerant Vaillant (1623-1677) zugeordnet. Auf den ersten Blick haben die beiden Porträts große Ähnlichkeit, aber bei näherer Betrachtung fallen die stilistischen Unterschiede auf. Während das Damenbildnis sorgfältig durchmodelliert ist, wirkt das Mädchenporträt weniger detailliert und beinahe unfertig.

Graphikrestaurator Thomas Klinke fand unter dem Mikroskop viele Ähnlichkeiten zwischen beiden Blättern: etwa die Verwendung von blauem Papier, schwarzer Kreide und Tusche mit flächigen Akzenten. Aber die Infrarotreflektografie brachte eine fragmentarische Inschrift ans Licht, in der die Buchstaben „mb“ und „ch“ erkennbar waren. Diese Spur führte Annemarie Stefes über einen niederländischen Ausstellungskatalog zum Künstler Michiel D. van Limborch (um 1615-1675), den Vaillant mehrmals getroffen hatte. Die bruchstückhafte Inschrift ließ sich als Signatur „MD Limborch“ korrekt lesen, zu dessen zeichnerischem Werk das Blatt problemlos passt.

Für Thomas Klinke ist es nicht die erste Ausstellung dieser Art. Schon 2023/24 schloss er eine Zwischenetappe der Zeichnungsexpedition mit der Kabinettausstellung „Zeichnung im Labor“ ab, die ebenfalls im Wallraf Richartz Museum lief. Sie widmete sich vor allem kunsttechnologischen Forschungsmethoden. Und auch nach der aktuellen Ausstellung geht es weiter, denn das Ziel ist ein Bestandskatalog, der alle Zeichnungen umfasst.

Zur Ausstellung erscheint ein deutschsprachiger Katalog (304 Seiten mit 266 Abbildungen), inklusive Glossar und Abbildung der Wasserzeichen, hrsg. von Anne Buschhoff und Marcus Dekiert. Im Museumsshop für 25 Euro oder ISBN 978-3-910450-01-1 im Buchhandel erhältlich.

Öffentliche Führungen am 28.01., 04.03. und 11.03. jeweils um 16.30 Uhr sowie am 25.01., 01.02. und 15.03.2026 jeweils um 11.30 Uhr. Das Angebot ist im Eintrittspreis enthalten.

von Gudrun von Schoenebeck, VDR-Online-Redaktion


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