Über den Umgang mit überarbeiteten Textilien Von Restaurierungsleichen und anderen textilen Besonderheiten

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Gesa Bernges ist Diplom-Restauratorin und arbeitet im Historischen Museum Basel als Restauratorin für Textilien. Wie viele Kolleginnen ist sie die einzige Fachfrau für Textilien an ihrem Museum. Häufig muss sie alleine entscheiden, wie mit den meist stark überarbeiteten textilen Schätzen verfahren wird.

Deshalb ist es ihr wichtig, sich mit anderen Kolleginnen und Kollegen aus ihrem Fachbereich zu vernetzen. Als Vorsitzende der Fachgruppe Textil im VDR organisiert sie  gemeinsam mit Kolleginnen die Fachtagung „Objekte mit Geschichte. Umgang mit Änderungen, Reparaturen und Restaurierungen an historischen Textilien“.

Über die Besonderheiten der Textilrestaurierung, „Restaurierungsleichen“ und die anstehende Tagung Ende Juni sprach Gesa Bernges mit Gudrun von Schoenebeck von der Online-Redaktion des VDR.

 

Frau Bernges, warum haben Sie dieses Tagungsthema gewählt?

Bernges: Die Beschäftigung mit Änderungen, Reparaturen und früheren Restaurierungen ist das tägliche Brot eines Textilrestaurators. Es gibt tatsächlich wenige historische Textilien, die nicht in irgendeiner Weise bearbeitet, also unverändert geblieben sind. Das bedeutet, wir müssen schauen, welche Teile original sind und was mit den nicht originalen Bestandteilen im Falle einer Restaurierung geschehen soll. Das sind oft schwierige Entscheidungen.

 

Detailfoto von Stickereifragmenten mit gemalten Ergänzungen. Stickerei 15. Jahrhundert, Ergänzungen 19. Jahrhundert. Historisches Museum Basel, Inv.-Nr. 1918.141. Foto: Gesa Bernges 2017.

Womit hängt es zusammen, dass historische Textilien im Laufe der Zeit besonders häufig repariert, verändert und restauriert worden sind? 

Das hat damit zu tun, dass Textilien in früheren Zeiten zugleich besonders kostbar und auch besonders verletzlich waren. In der Renaissance zum Beispiel war eine Tapisserie um ein Vielfaches mehr wert als ein Gemälde. Die Tapisserie wurde so lange wie möglich aufbewahrt und immer wieder, wenn nötig, repariert. Diese Reparaturen sind eng mit der Objektgeschichte verbunden. Man sieht heute das einstige Bemühen darum, Kostbares zu bewahren und weiter nutzen zu können.

 

Textilrestauratoren sind also häufig mit Veränderungen am Original konfrontiert. Gibt es bei den zwangsläufig schwierigen Restaurierungen überhaupt objektive Entscheidungskriterien?

Ja, durchaus. Wenn etwa das Original durch eine Reparatur konkret geschädigt wird, oder wenn der frühere Eingriff das Original stark verfälscht hat, sind das Gründe dafür, dies rückgängig zu machen. In der praktischen Arbeit müssen wir jedoch sicherlich häufig abwägen. Die Textilrestaurierung ist eine vergleichsweise junge Disziplin, aber wir haben mittlerweile damit begonnen, uns Restaurierungen anzuschauen, die 100 oder 50 Jahre alt sind und die damals gemachten Eingriffe zu interpretieren.

 

Wahrscheinlich gab es früher, ähnlich wie in anderen Fachgebieten der Restaurierung, auch bei den Textilien eine andere Einstellung zum Restaurieren?

Auf jeden Fall. Frühere Generationen haben zum Teil sehr starke Eingriffe vorgenommen, die auch bisweilen irreversibel sind. Vor 100 Jahren wurde zum Beispiel noch viel gestopft, auch weil die Arbeitskraft viel billiger war. Da gibt es Fahnen, die auf einer Größe von 2 x 2 Metern komplett überstopft sind und man muss heute fragen, ob eine Rückführung überhaupt möglich ist. Ein anderer Fall ist die Verwendung verschiedener synthetischer Klebstoffe in den 1950er und 60er Jahren. Solche frühen Klebungen wurden damals nach neuestem Wissensstand mit guter Absicht angewendet, erzeugten jedoch im Ergebnis aus heutiger Sicht leider einige irreversibel veränderte ‚Restaurierungsleichen‘, die ihren textilen Charakter gänzlich eingebüßt haben. Dieses Thema wird auch auf der Tagung behandelt.

 

Warum ist die Tagung wichtig, was sind Ihre Ziele?

Detailfoto einer gewirkten Kissenplatte (Rückseite), Opferung des Isaak, datiert 1553. Historisches Museum Basel, Inv.-Nr. 1870.1003. Foto: Gesa Bernges 2018.

Textilrestauratoren arbeiten häufig allein. Die meisten Museen haben entweder gar keine eigene – oder höchstens eine halbe – Stelle für diese Fachrichtung. Auch die Freiberufler sind häufig allein in ihren Werkstätten. Das heißt, wir machen viele Entscheidungen zunächst mit uns alleine aus. Auf so einer Tagung kann man sehen, welche Entscheidungen Andere gemacht haben und wie sie begründet wurden. Man kann darüber diskutieren und natürlich auch persönliche Beziehungen stärken.

Wir wollen uns darüber hinaus in Erinnerung rufen, dass sich auch die von uns eingesetzten Materialien mit der Zeit verändern und unsere Vorgehensweisen von den nachfolgenden Generationen vermutlich kritisch hinterfragt werden. Auch in einer jungen Disziplin wie der unsrigen gibt es schon Fälle, in denen ein altbewährtes Mittel, das von allen benutzt und nicht mehr hinterfragt wurde, sich dann doch anders verhielt, als erwartet worden war. Deshalb ist der fachliche Austausch, das Netzwerk so wichtig.

 

Tipp:

Zum Thema findet vom 28. bis 30. Juni 2018 eine Fachtagung im Germanischen Nationalmuseum Nürberg statt: „Objekte mit Geschichte. Umgang mit Änderungen, Reparaturen und Restaurierungen an historischen Textilien“Die Anmeldung ist noch bis zum 14. Juni möglich (Frühbucherrabatt bis zum 3. Juni).

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