Ein Vorlesebuch für Kinder ab 6 Jahren Kunstfresser – aus dem Leben einer Museumsmotte

Was haben der Louvre, die Museumsinsel, das Grüne Gewölbe und das Deutsche Museum gemeinsam? Es sind alles Museen, die Heribert, einer der Hauptcharaktere aus dem Kinderbuch „Kunstfresser“, in seinem Leben besucht hat. Zum Leid vieler Restaurator:innen ist Heribert nicht nur ein weltgewandter Kunstliebhaber, sondern auch eine Museumsmotte.
Eine Buchempfehlung von Anneke Horstmann

Die Geschichte

Christine Ziegler erzählt in ihrem Kinderbuch die Geschichte der Museumsmotte Heribert, die ihrer Nichte Jolinde das Museum zeigen möchte. Jolinde wohnt mit drei Geschwistern und ihrer Mutter auf dem Land. Sie hat das Kinderzimmer, in dem sie leben, noch nie verlassen und kennt die Welt draußen nur von den Geschichten ihres Onkels. Heribert ist ein Abenteurer. Er reist um die Welt und bringt von seinen Reisen immer ein Geschenk mit. Mal ist es ein Kaugummi oder ein Stück der deliziösen blauen Farbe von Pablo Picasso. Die Mottenkinder haben noch nie etwas von diesem Künstler oder seiner Kunst gehört. Sie verstehen nicht, warum Menschen Gemälde nur ansehen und nicht auch schmecken wollen. Sie stellen jede Menge Fragen, die Heribert geduldig beantwortet.

Inhaltsseite aus dem Kinderbuch „Kunstfresser. Aus dem Leben einer Museumsmotte“ (Foto: Südpol Verlag)

Jolinde kann sich unter Kunst nur die Bilder aus dem Kinderzimmer vorstellen. Sie wird so neugierig, dass sie ihre Mutter überredet mit Heribert das Museum besuchen zu dürfen. Die Reise mit dem Zug ist aufregend. Im Museum zeigt Heribert ihr seine Lieblingsbilder. Er doziert über die Sicherheitstechnik oder wo und wie Restaurator:innen arbeiten. Am Ende des Tages ist Jolinde so müde, dass sie bei Heriberts Freunden, einem Teppichkäferpaar, fast einschläft. Dabei ahnt sie noch nicht, dass sie unter den Museumsbewohnern bald berühmter als Heribert sein wird und nebenbei die Definition von Nützlingen und Schädlingen auf den Kopf stellt.

Inhaltsseite aus dem Kinderbuch „Kunstfresser. Aus dem Leben einer Museumsmotte“ (Foto: Südpol Verlag)

Blick hinter die Kulissen

Bemerkenswert ist vor allem der breite Bogen, den die Autorin in ihrer spannenden Geschichte schlägt. Es werden Fragen beantwortet wie:

Was sind Museen und wie sind sie entstanden?

Was sind Nützlinge und Schädlinge und wie kommen sie in ein Museum?

Wie wird Kunst vor Diebstählen geschützt und welche Anschläge gab es schon auf berühmte Kunstwerke?

Wie ist ein Leinwandgemälde kunsttechnologisch aufgebaut? 

Woran erkennt man Kunstfälschungen?

Was machen Restaurator:innen? 

Inhaltsseite aus dem Kinderbuch „Kunstfresser. Aus dem Leben einer Museumsmotte“ (Foto: Südpol Verlag)

Die Geschichte ist lebendig erzählt und voller Details einer Museumsinsiderin. Christine Ziegler schafft den Spagat zwischen interessanter und packender Geschichte und Vermittlung von detaillierten Sachinformationen. Alle Fakten sind kindgerecht beschrieben, ohne dabei zu sehr zu vereinfachen. Je nach Interesse des Kindes kann nur die Geschichte oder es können zusätzlich die Sachseiten gelesen werden. Einige Aspekte aus der Geschichte werden im Sachtext vertieft, Erzählung und Informationen funktionieren aber auch losgelöst voneinander. 

Die Sichtweise der Motten und anderer „Schädlinge“ auf Kunst lässt den Leser immer wieder schmunzeln. Die Charaktere sind sehr sympathisch angelegt. Vor allem in die neugierige Jolinde können sich Kinder sehr gut hineinversetzen. Sie löchert ihren Onkel mit Fragen und ist aber auch wie jedes Menschenkind nach einem langen aufregenden Tag müde und schafft es nicht mehr, den Ausführungen ihres Onkels zu lauschen. Das Buch bietet viel Gesprächsstoff für Eltern und Kinder zum Thema Kunst und Museum. Mitmach-Seiten animieren die Kinder selbst aktiv zu werden und lassen Platz, ihr Lieblingsmuseum oder -gemälde zu malen. 

Echte Kunstwerke als Illustration

Die Illustrationen von Stephanie Marian zeigen realexistierende Skulpturen und Gemälde und verdeutlichen so die Bandbreite von Kunst. Das Buch ist besonders zum Vorlesen geeignet. In Kombination mit einem Museumsbuch kann es eine gute didaktische Vorbereitung sein und die unter Umständen für Kinder langweilige Gemäldegalerie zu einem spannenden Ort machen. Aber auch ohne Besuch bietet die packende Geschichte die Möglichkeit, hinter die Kulissen eines Museums zu schauen und diese eigene Welt mit anderen Augen zu betrachten.

Cover des Kinderbuches „Kunstfresser. Aus dem Leben einer Museumsmotte“ (Foto: Südpol Verlag)

Die Autorin

Christine Ziegler hat Restaurierungswissenschaften studiert. Sie sagt, dass sie als Restauratorin eine ausgebildete, professionelle Zuhörerin ist. „Ich belausche alte Gegenstände, die von früher berichten oder horche auf die Zwischentöne von Kunstwerken.“ Die Idee für „Die Kunstfresser“ kam ihr nach einem Urlaub. Eine Mottengroßfamilie hatte sich in ihrem Schlafzimmer eingerichtet und sich am Teppich gütlich getan. Inzwischen schreibt Christine Ziegler als Autorin Bücher für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. 

Christine Ziegler, Die Kunstfresser – Aus dem Leben einer Museumsmotte
mit Illustrationen von Stephanie Marian, Südpol Verlag, 64
farbige Seiten
ISBN 978-3-96594-109-0, 24 Euro, empfohlen ab 6 Jahren

1 Comment

  1. Veröffentlich von Stephan Biebl am 19. Januar 2022 um 19:38

    Eine wunderbare Idee zu einem deutschen Tabuthema (Schädlinge im Museum gibt es ja offiziell nicht). Ich werde es sofort bestellen und freue mich als Museums(-schädlinge)insider auf diese neue (Fach-)Lektüre.

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