Ein Interview mit Mariana Vytvytska „Die politische Dimension von Restaurierung interessiert mich“

Im Studienjahr 2025/26 hat der VDR erneut Deutschland-Stipendien vergeben. In dieser zweiten Runde wurden vier Stipendiat:innen ausgezeichnet. Wir stellen Mariana Vytvytska vor.

Mariana Vytvytska studiert Konservierungs- und Restaurierungswissenschaft mit der Vertiefung Möbel, Holzobjekte und Materialkombinationen an der HAWK, der Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim. Sie ist im 10., dem letzten Semester ihres Masterstudienganges und schreibt gerade an ihrer Masterarbeit. Wir haben mit ihr über ihren Weg in die Restaurierung gesprochen, warum sie den Fachbereich gewählt hat und welche Pläne und Ideen sie für die Zukunft hat.

Mariana in ihrem Habitat im 10. Semester in der Bibliothek

VDR: Wie bist du auf das Thema Restaurierung aufmerksam geworden? Seit wann gab es die Motivation den Beruf zu erlernen?

Mariana Vytvytska: Ich habe das schon recht früh gewusst. Ich bin in der westlichen Ukraine auf eine lokale Kunstschule gegangen. Mit akademischem Zeichnen, Malen und Kunstgeschichte habe ich mich im Alter von 10 bis 17 Jahren mindestens dreimal in der Woche für jeweils mindestens drei Stunden beschäftigt. Während der gesamten Zeit bekam ich Unterricht von einem ukrainischen Künstler (Igor Pereklita). Es hat mich begeistert und technisch war ich immer gut, hatte aber, rein künstlerisch betrachtet, keine besonderen eigenen Ideen. Irgendwann kam ich zu der Erkenntnis, dass alle großen Meisterwerke und Objekte schon von jemandem geschaffen wurden und wir die Schönheit jetzt nur noch bewahren müssen. 

Ich bin mit der Idee der Nachhaltigkeit aufgewachsen. Sowohl meine Mutter als auch mein Vater haben immer versucht alles zu reparieren, von der Kleidung bis zum Mixer. Das hat damit zu tun, dass wir nicht reich waren. In meiner Familie waren solche Reparaturen die Sprache der Liebe: Wir reparieren nur die Sachen, die uns wichtig sind und für die Menschen, die wir lieben. So ähnlich empfinde ich das auch bei der Restaurierung.  

Wie kam es zur Entscheidung für deinen Studienort und den Fachbereich?

Nach der Schule wollte ich in Lwiw Restaurierung studieren, habe aber die Aufnahmeprüfung für das staatlich finanzierte Studium nicht bestanden. Man musste in der Prüfung einen Schädel, ein Stillleben und eine monochrome Zeichnung abliefern. Ich habe dann ein 5-jähriges Lehramtsstudium für die Fächer Englisch, Deutsch (meine Lieblingssprache) und Literatur begonnen und fuhr 2017 nach Deutschland, um mein Deutsch zu verbessern. Ich blieb hier, habe ein freiwilliges Soziales Jahr im Kindergarten gemacht – danach fühlte ich mich gut integriert. Ich habe mich letztendlich dagegen entschieden, das berufliche Leben im Bereich der Pädagogik – ob im Kindergarten oder in der Schule – weiterzuverfolgen. Trotzdem schätze ich es so ein, dass meine vorherigen Erfahrungen nicht umsonst waren. Heute habe ich das Privileg, in mehreren Sprachen an Informationen zu gelangen (Englisch, Deutsch, Französisch, Polnisch, Ukrainisch), bin viel geduldiger im Umgang mit Menschen und sehe die Arbeit im deutschen Kindergarten als Teil meiner Integration in die Gesellschaft. 

Mein Weg in die Restaurierung in Deutschland hat 2019/20 angefangen, als ich einen Platz im Hamburger Praxisjahr bekommen habe. Es war eine tolle, aber auch anstrengende Zeit. Mein Chef Sven Gödeke in der Hamburger Werkstatt, war wunderbar, die Stimmung super und sie haben viel in mich investiert. Ich musste aber auch immer schauen, wie ich über die Runden kam, denn am Anfang hatte ich nur die Vergütung, die nicht einmal für ein Zimmer in Hamburg ausreichte. Danach bekam ich ein Stipendium, was mich damals gerettet hat. Nach dem Praxisjahr wollte ich wegen COVID den Umzug in eine neue Stadt nicht riskieren, deswegen verlängerte ich mein Praktikum noch um ein Jahr. Im Herbst 2021 begann mein Studium an der HAWK. Da habe ich dann auch Putzjobs angenommen aus Geldmangel, bis ich eine Anstellung als studentische Hilfskraft bekam. Ich möchte auch betonen, dass die Hochschulverwaltung in Hildesheim sich toll für mich eingesetzt hat. Ausländische Studierende benötigen manchmal etwas mehr Unterstützung, weil sie oft mehr Bürokratie durchlaufen müssen, mehr Bescheinigungen für die Ausländerbehörde brauchen und mehr Tipps benötigen. Das alles bietet die HAWK an. Ich fühlte mich mit meinen Problemen nie alleine gelassen und ich schätze das sehr. 

Gab und gibt es besonders spannende Projekte und Vorlesungen im Studium? 

Im Master haben wir zum Teil richtig schwierige Aufgaben bekommen, für die wir restauratorische Lösungen finden mussten. Da war zum Beispiel eine Palmblattbibel mit einem Holzkorpus und Leder. Es war eine echte Herausforderung den zerfressenen Korpus und das sich ablösende Leder zu festigen und dafür die richtigen Lösemittel und Festigungsmittel herauszufinden. Wir haben im Team auch einen Boulle-Halbschrank mit unterschiedlichen Materialien bearbeitet. Das Holz, das Messing und das Schildpatt im Schrank hatten sich verschoben – wir sagen „sie tanzen ein wenig“. Außerdem hatten wir das Problem mit einer Fehlkonstruktion, wodurch sich etwa die Tür am Schränkchen verformt hat.  

Was die Vorlesungen betrifft, finde ich in Hildesheim alle Professor:innen großartig. Julia Schulz hat im Bereich Holz sehr gute Vorlesungen über Materialien und Werkstoffkunde gegeben. Ich liebe auch die Vorlesungen von Tiziana Caianiello, weil sie der Kunstgeschichte und der Ethik gewidmet sind. Da denken wir über unterschiedliche Fragen nach: Was sind Werte? Welche Werte sind für uns wichtig? Warum restaurieren wir und wie erhalten wir unsere Objekte für die kommenden Generationen? Spannend waren auch die Vorlesungen von Prof. Constanze Messal, die als Mikrobiologin zum Beispiel über den Einfluss des Lichts auf Mikroorganismen gesprochen hat. Ich glaube, das wird sonst an keiner anderen Hochschule angeboten.  



Wie geht es im Studium weiter? Hast du schon Pläne für danach? 

Ich werde jetzt im Sommer 2026 fertig und habe noch keine konkreten Pläne. In meiner Masterarbeit habe ich ein historisches Thema gewählt: „Die Auffassung von Restaurierung in der Ukraine zwischen Wandel und Kontinuität (1921-2022)“. Ich würde gerne international arbeiten, weil mich die politische Dimension von Restaurierung interessiert. Bis Oktober bin ich noch eingeschrieben, dann beginnt ein neuer Lebensabschnitt und ich bin schon ein wenig ängstlich, wie es weitergehen wird.  

Zugleich bin ich allen unglaublich dankbar, die mich so weit gebracht haben – mein Ausbilder Sven Gödeke, die damalige Leiterin von Hamburger Praxisjahr Silke Beiner-Büth, die guten Menschen aus der HAWK (Professor:innen, Kolleg:innen, Kommiliton:innen, Freund:innen) – ohne sie hätte ich das alles nicht schaffen können. Ein großer Dank gilt auch dem Deutschlandstipendium aus den vorherigen Jahren und aus diesem – dem bisher schwierigsten – Jahr, in dem ich die Ehre habe, die Unterstützung des VDR zu bekommen. Danke an alle! Ich fühlte mich hier immer willkommen. 

Gibt es Wünsche, die du an die Hochschule richten würdest? Und an den VDR?

Ich würde mir wünschen, dass in der Hochschule mehr und besser innerhalb der Fächer und fächerübergreifend miteinander gearbeitet wird. Vielleicht gehört es ein bisschen zur deutschen Mentalität, aber es wird eher isoliert voneinander geforscht und gelehrt. Auch der Austausch zwischen den Studiengängen und zwischen den Standorten könnte verbessert werden.  

Ich weiß nicht, ob es eine Aufgabe des VDR sein kann, aber es wäre doch super, wenn es eine Art Plattform für Projekte und Arbeitsmöglichkeiten in der vorlesungsfreien Zeit gäbe. Das könnten auch Projekte sein, in denen Studierende sich freiwillig, vielleicht gegen Kost und Logis, engagieren könnten.

Mariana in der Bibliothek

Das Gespräch mit Mariana Vytvytska führte Gudrun von Schoenebeck von der Online-Redaktion.

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