Die Ausstellung „Patient Buch – Erbe gemeinsam schützen“ in der Dombibliothek Hildesheim zeigt noch bis zum 19. April 2025, wie eine Kooperation über Institutionen hinweg historische Bücher schützt und restauratorisches Fachwissen praxisnah weiterentwickelt.

Seit acht Jahren arbeiten die Dombibliothek und der Bereich Konservierung und Restaurierung von Schriftgut, Buch und Grafik der HAWK eng zusammen. „Es geht in dieser Kooperation um Themen der Bucherhaltung und um die Implementierung dieses Restaurierungsbereichs in die Lehre“, erklärt Prof. Ulrike Hähner.
Die Lehrinhalte und die Herausforderungen vor Ort, am konkreten Objekt garantieren hierbei eine praxisnahe, zukunftsweise Ausbildung, die für die Studierenden mit ihren sehr unterschiedlichen Vorkenntnissen besonders wertvoll ist. Denn nicht alle, haben eine buchbinderische Ausbildung vor dem Studium oder das einjährige Vorpraktikum in einer Restaurierungswerkstatt mit Schwerpunkt der Buchrestaurierung absolviert.
Um eine solide Grundlage für alle zu schaffen, bietet die HAWK inzwischen vier aufeinander aufbauende Lehrveranstaltungen im Bachelor- und Masterstudiengang an, die Grundlagen des Buchaufbaus, der Einbandmaterialien, der Konservierung und Restaurierung vermitteln und Ergebnisse aus Forschungs- und Entwicklungsprojekten integrieren.
Die Zusammenarbeit zwischen Hochschule und Bibliothek ist hierbei fest im Curriculum verankert und durch eine Kooperationsvereinbarung geregelt. Sie ermöglicht praxisbezogene Lehrveranstaltungen, gemeinsame Abschlussarbeiten und eine stetige Weiterentwicklung der Methoden. Die Arbeiten an den spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Beständen orientieren sich an den Zielstellungen der Bibliothek und stellen materialwissenschaftliche und ethische Aspekte in den Mittelpunkt. Darüber hinaus ist ein Netzwerk entstanden, das weitere Lehrgebiete der HAWK – etwa Mikrobiologie oder Kunstgeschichte – sowie Einrichtungen wie die Herzogin Anna Amalia Bibliothek und das Dommuseum Hildesheim einbezieht.
Aus dieser intensiven Zusammenarbeit heraus entstand die Idee, eine Ausstellung zu entwickeln.
„Wir wollten über die Möglichkeiten einer kontinuierlichen Zusammenarbeit zwischen Hochschule und Bibliothek öffentlich berichten, die Lehrinhalte und Arbeitsergebnisse der Studierenden zeigen und gemeinsam das Thema Ausstellung – von der Planung über den Umgang mit Leihgaben bis zur Ausstellungstechnik – in der Lehre praxisnah behandeln“, so Hähner.
Gleichzeitig sollte die Schau das 15-jährige Jubiläum der Studienrichtung Konservierung und Restaurierung von Schriftgut, Buch und Grafik an der HAWK markieren – und diese mit einer Jubiläumspublikation verbinden. Damit stellte sich auch die Frage, wie sich das komplexe Arbeitsfeld der Konservierung und Restaurierung überhaupt anschaulich und ausstellbar vermitteln lässt – eine Herausforderung, die das Team bewusst angenommen hat.
An der Ausstellung wirkten insgesamt 21 Studierende aus verschiedenen Semestern mit, begleitet von den Lehrenden Prof. Ulrike Hähner und Barbara Rittmeier, der Leiterin der Dombibliothek Dr. Monika Suchan sowie den wissenschaftlichen Mitarbeitenden der Bibliothek. Rund anderthalb Jahre liefen die Vorbereitungen, in denen die Studierenden neben ihrer Tätigkeit als Restaurator:innen auch in die Rollen von Kurator: innen und Ausstellungstechniker: innen schlüpften, was für sie eine besonders spannende Erfahrung war.
Für die Gestaltung konnte der HAWK-Absolvent Jean-Michel Tapp gewonnen werden, die Fotografien stammen von Jasmin Leckelt. Leihgaben kommen unter anderem von der Herzogin Anna Amalia Bibliothek und vom Künstler Hannes Möller, der gemeinsam mit Studierenden zeichnerisch den Zustand spätmittelalterlicher Einbände erfasst hat und den Bereich „Schule des Sehens“ wesentlich prägte. Schirmherrin der Ausstellung ist die Vizepräsidentin Studium und Lehre der HAWK, Prof. Katja Scholz-Bürig.
Die Schau ist durchaus umfangreich geworden. Sie umfasst fünf Themenbereiche, die die Breite moderner Restaurierung sichtbar machen.
- Die „Schule des Sehens“ zeigt zeichnerische Erfassungen spätmittelalterlicher Einbände als methodisches Fundament der Ausbildung.
- Der Bereich „Wertvolle Übertragung“ widmet sich dem Wissenstransfer zwischen Theorie und Praxis und stellt eine Restaurierungsmethode der Herzogin Anna Amalia Bibliothek zur Behandlung beschädigter Pergamenteinbände in den Mittelpunkt, die im Rahmen der Lehre weiterentwickelt wird.
- „Forschung im Verbund“ präsentiert interdisziplinäre Projekte zur Erhaltung spätmittelalterlicher Einbände, insbesondere des Inkunabelbestands der Dombibliothek.
- Der Bereich „Gegenseitige Unterstützung – Notfallvorsorge“ zeigt anhand von Exponaten aus der Herzogin Anna Amalia Bibliothek und einer dokumentierten Notfallübung von 2025, wie wichtig Zusammenarbeit im Katastrophenfall ist.
- Der abschließende Bereich „Ausblick Zukunft“ verweist auf aktuelle Arbeitsgebiete wie die Erhaltung spätmittelalterlicher und neuzeitlicher Einbände, Gesundheits- und Arbeitsschutz sowie Werkstattausstattung.
Zu sehen sind Zeichnungen, unbehandelte und behandelte Bücher im Vergleich, Grafiken und Fotografien zu restauratorischen Methoden sowie Exponate, die das Ausmaß von Schadensereignissen verdeutlichen. Ergänzend können Besucherinnen und Besucher über QR-Codes eine Bildfolge und einen Film abrufen.
Die gezeigten restauratorischen Ergebnisse sind zugleich Weiterentwicklungen bestehender Methoden, insbesondere der Pergamentrestaurierung der Herzogin Anna Amalia Bibliothek. Im Mittelpunkt stehen Materialerhaltung, ethische Zurückhaltung und die Frage, wie sich historische Einbände bewahren lassen, ohne ihr charakteristisches Erscheinungsbild zu verändern.
Die Schau „Patient Buch“ macht sichtbar, wie Wissen nicht nur weitergegeben, sondern gemeinsam gestaltet und angewandt wird – und wie Hochschule und Bibliothek gemeinsam einen wichtigen Beitrag zur nachhaltigen Sicherung unseres kulturellen Erbes leisten.
Alle sind eingeladen, sich in der Ausstellung ein Bild von der Vielfalt und dem Wert restauratorischer Arbeit zu machen. Ergänzt wird die Ausstellung durch die Publikation „15 Jahre Konservierung und Restaurierung von Schriftgut, Buch und Grafik. Resümee und Perspektiven der Vertiefung“ sowie ein kleines Begleitprogramm.
Ausstellung:
21. November 2025 bis 17. April 2026
Dombibliothek Hildesheim, Domhof 30, 31134 Hildesheim
Öffnungszeiten:
Dienstag und Donnerstag 9 – 16 Uhr, Mittwoch 9 – 18 Uhr, Freitag 9 – 14 Uhr
Begleitprogramm:
7. Januar 2026, 18 Uhr: Studierende führen durch die Ausstellung
14. Januar 2026, 18 Uhr: Gespräch zum Thema „Treffpunkt Lehrwerkstatt – Austausch zwischen Hochschule und Praxis zum Patient Kulturgut“ mit anschließender Führung durch die Ausstellung
4. Februar 2026, 18 Uhr: Führung durch die Ausstellung und das Magazin
Text: Patricia Brozio, Quellen: Pressemitteilung und Gespräch mit Prof. Hähner