Die Wurzeln des Verbandes der Restaurator:innen 25 Jahre VDR: Der Deutsche Restauratorenverband (DRV)

Der Deutsche Restauratorenverband (DRV) gehörte mit der Arbeitsgemeinschaft der Restauratoren (AdR) und der Internationalen Arbeitsgemeinschaft der Archiv-, Bibliotheks-, und Graphikrestauratoren (IADA) zu den ältesten und mitgliederstärksten Verbänden unserer Disziplin in Deutschland. Er wirkte maßgeblich an der Definition und Entwicklung des Berufsbildes der Konservierung und Restaurierung mit und hatte wesentlichen Anteil an der Etablierung der Hochschulausbildung für Restaurator:innen, auch auf europäischer Ebene.

Zum 25‑jährigen Verbandsjubiläum richtet der Verband der Restaurator:innen (VDR) den Blick zurück auf seine Vorgängerverbände. Dies ist der fünfte Teil unserer Blogserie.

Ein Beitrag von Thomas Krämer

Mitglieder der DRV-Verbandstagung 1965 in Kopenhagen bei einer Kanalrundfahrt.
Quelle: Bachmann, 1989, S. 20, Abb. o. Nr.

Verbandsgründung

Der DRV hatte seinen Ursprung in dem bereits 1957 initiierten Verband Deutscher Gemälderestauratoren e.V. (VDGR e.V.), der sich 1958 als eingetragener Verein konstituierte. Der Hamburger Restaurator Theodor Sachse gab 1957 mit einer Umfrage zur Situation der Restaurator:innen in der damaligen BRD dazu einen wesentlichen Impuls. Diese Umfrage ergab den Wunsch nach einem Zusammenschluss der Berufsgruppe, „da der einzelne mehr oder weniger auf sich alleine gestellt ist“, dabei war es das Ziel, „den Erfahrungsaustausch untereinander zu fördern, Studienfahrten, Fortbildungskurse u. ä. zu organisieren und in sozialer Beziehung die Interessen des Einzelnen zu vertreten“ (Sachse in der Zeitschrift Maltechnik, Jg. 63 (1957), H. 2, S. 56).

Strukturen

In der Anfangszeit bildeten Fritz Reimold als erster Vorsitzender, Adolf Jobst, Helmut Tomaschek, Theodor Sachse, Joachim Goege und Annemarie Flinsch sowie später Richard Perret, Ernst Willemsen und Ingeburg von Baum den Vorstand.

Die Fachbereiche Gemälde, polychome Skulptur und Wandmalerei prägten das Gesicht des Verbandes, der aus einem Kreis von Gemälderestaurator:innen entstanden war. Dabei verstand sich der Verband als Vertreter:in sowohl der in öffentlichen Institutionen, u. a.  Museen und Denkmalpflege, angestellten als auch der freiberuflich tätigen Restaurator:innen. Das Jahr 1975 markierte einen Wendepunkt. Mit einer Satzungsänderung öffnete sich der DVGR für Kolleg:innen anderer Fachrichtungen und gab sich aus diesem Grunde einen neuen Namen, Deutscher Restauratorenverband, in unterschiedlichen Schreibweisen.

Ein wichtiger Teil der Verbandsarbeit wurde in Arbeitsausschüssen geleistet. Dauerhaft installiert waren der Arbeitsausschuss für Ausbildung, aus dem 1993 der Arbeitsausschuss für Aus- und Fortbildung entstand, und der Arbeitsausschuss für Mitglieder in Ausbildung (AAMA).

Bekannte Persönlichkeiten der Disziplin engagierten sich im Verband. Dabei waren nach Fritz Reimold Kurt Schmidt-Thomson, Ernst Willemsen, Joachim Haag, Agnes Gräfin Ballestrem, Helmut F. Reichwald, Christa Steinbüchel, Ulrich Schießl und Andreas Menrad die weiteren Vorsitzenden. Mit Gräfin Ballestrem wurde 1979 zudem erstmals eine Vorsitzende eines deutschen Restaurator:innenverbands gewählt. Viele weitere Mitglieder prägten den Berufsstand und leisteten wesentliche Beiträge zur Weiterentwicklung restauratorischer Technologien, ethischer Grundlagen und angemessener Arbeitsbedingungen, von ihnen seien nur Wenige exemplarisch genannt: Karl-Werner Bachmann, Hans Brammer, Erwin Emmerling, Wolfram Gabler, Erich Gantzert-Castrillo, Babette Hartwieg, Winfried Heiber, Bruno Heimberg, Werner Koch und Erika Weiland. Außerdem ernannte der Verband Ehrenmitglieder, darunter Paul Philippot, Rolf E. Straub und die Kulturjournalistin Doris Schmidt.

Helmut F. Reichwald, leitender Restaurator der Abteilung für Konservierung und Restaurierung von Wandmalereien und architektonischen Oberflächen im Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege in den 1970er‑Jahren. Foto: Archiv Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg, Restaurierung
Prof. Dr. Ulrich Schiessl, Professor und Rektor an der Professur an der Hochschule für Bildende Künste (HfBK) in Dresden. 
Foto: ZKK, Jg. 25 (2011), Heft 2, S. 168 (Ulrich Schießl, zum Gedenken)
V.l.n.r.: Restauratorin Christa Steinbüchel, Prof. Hugo Borger (Leiter Kölner Museen), Dorothee Wilms (Deutschland/CDU/Bundesbildungsministerin) und Oberbürgermeister Norbert Burger (Deutschland) mit aus der DDR rückübertragenen Gemälden im Wallraf-Richartz-Museum 1988 in Köln, Foto/Copyright: imago/bonn-sequenz, Bildnummer: 52395927 Datum: 04.03.1988

Verbandsarbeit

Der DRV setzte sich als Ziel, den Beruf der Restaurator:in verbindlich auf Hochschulniveau zu etablieren. Dieses Engagement entwickelte sich in einem langjährigen fachlichen Diskurs. Es sollte damit gelingen, in der Pflege und Bewahrung von Kunst- und Kulturgut mit den Nachbardisziplinen, insbesondere den Kunsthistoriker:innen, aber auch den Denkmalpfleger:innen und Architekt:innen, auf Augenhöhe zusammenzuarbeiten. Einen maßgeblichen Impuls dazu gab Rolf E. Straub, indem er 1976 das zuvor freie Studium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in ein Diplomstudium umwandelte, das erste seiner Art in der damaligen BRD. Schon 1977 schlossen die Ersten ihr Studium als Diplom-Restaurator:innen ab.

Der DRV leistete sowohl durch Grundsatzpapiere zum Berufsbild und zur Ausbildung als auch als Mitbegründer:in von nationalen und europäischen Verbandsnetzwerken einen zentralen Beitrag. Allerdings konkurrierten seine berufspolitischen Ziele mit tradierten Vorstellungen in Fachkreisen und in der Öffentlichkeit, dass Restaurierung auf handwerklicher Ausbildung basiere, die durch besonderes Können und spezielle Fachkenntnisse ergänzt werden müsse. Nur für leitende Positionen schien zunächst eine Hochschulausbildung erforderlich. Der Sicht der politischen Partner:innen, dass folglich eine Ausbildung an Fachschulen anzustreben sei, setzte der DRV 1981 gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft der Restauratoren (AdR) und dem Deutschen Verband freiberuflicher Restauratoren (DVfR) die Stellungnahme „Berufsbild und Ausbildung des Restaurators in der Bundesrepublik Deutschland“, das sog. „Rosa Papier“, entgegen. Darin wurden erstmals die Hochschulausbildung und der gesetzliche Schutz der Berufsbezeichnung gefordert. Die Empfehlung des Zentralverbands des Deutschen Handwerks 1984 an die Handwerkskammern zur Einrichtung einer Fortbildungsprüfung zum „Restaurator im Handwerk“ beförderte, dass die Verbände DRV, AdR, Internationale Arbeitsgemeinschaft der Archiv-, Bibliotheks- und Graphikrestauratoren (IADA) und DVfR zur Schärfung des beruflichen Profils nach innen und außen die Grundsatzpapiere  „Ehrenkodex für Restauratoren“ und  „Der Restaurator. Eine Definition des Berufs“ (1986) sowie „Übergreifendes Berufsbild für Restauratoren“ (1990) formulierten. Größere Reichweite hatte das 1984 vom Conservation Committee des International Council of Museums (ICOM CC) verabschiedete Papier „The Conservator Restorer. A definition of the Profession“, an dem Agnes Gräfin Ballestrem in ihrer Zeit als erste Vorsitzende des DRV mitgewirkt hatte.

Agnes Gräfin Ballestrem (Mitte) zusammen mit S. Bjarnhof (li.) und Hans-Christoph von Imhoff 1983 in Barcelona während einer Sitzungspause. Abbildung aus: ICOM-CC_50_years_FINAL_red.pdf, p. 22

Gräfin Ballestrem wirkte zudem an einem Grundsatzpapier mit internationaler Reichweite mit, das 1984 vom Conservation Committee des International Council of Museums (ICOM CC) unter dem Titel „The Conservator Restorer. A definition of the Profession“ verabschiedet wurde.

1991 führte der DRV, zusammen mit der AdR als zweitem deutschen Mitglied, dieses Engagement in der Mitwirkung an der Gründung der European Confederation of Conservator-Restorers Organisations (E.C.C.O.) weiter, um den Beruf und seine Anerkennung im Verbund mit den europäischen Verbänden zu stärken. Delegierte des DRV war über Jahre hinweg Cornelia Weyer. Der DRV war zudem engagiertes Gründungsmitglied der 1994 gegründeten Vereinigung der deutschen Restauratorenverbände (VDR). An der Gründung des European Network for Conservation-Restoration Education (ENCoRe) im Jahr 1998, hatte Ulrich Schießl maßgeblichen Anteil. ENCoRe leistete einen Beitrag zur weiteren Etablierung des Berufs als akademische Disziplin und half mit, den Weg zur Promotion im Bereich Kunsttechnologie, Konservierung und Restaurierung zu ebnen.  

Als Konsequenz dieser Entwicklungen traf der Verband die Entscheidung, das Fachhochschul- oder Hochschuldiplom als Aufnahmekriterium für die ordentliche Mitgliedschaft im Verband festzulegen. Für diesen Schritt hatten sich auch viele Mitglieder ohne Hochschulabschluss eingesetzt.

Der Arbeitsausschuss Ausbildung, später Aus- und Fortbildung befasste sich zunächst mit den Grundlagen und Ausbildungswegen, erarbeitete Konzepte für das damals zum Teil mehrjährige, studienvorbereitende Praktikum. Gemeinsam mit den Mitgliedern in Ausbildung entwickelte er Richtlinien für das Praktikum und einen Mustervertrag. Den Wünschen nach fachlicher Fortbildung wurde durch die Organisation von Seminaren nachgekommen. Die Mitglieder in Ausbildung wollten mehr Mitbestimmung und konnten erreichen, dass eine Vertreter:in des AAMA von der Mitgliederversammlung in den Vorstand gewählt wurde. Die erste Vertreter:in war Natalie Ellwanger.

Die SZ berichtet 1985 über erneute politische Beratungen in Bayern zur Ausbildung von Restaurator:innen. CSU und SPD diskutieren verschiedene Modelle, darunter die Einrichtung einer eigenen Fachakademie. Fachinstitutionen wie die Landesdenkmalpflege betonen die hohe Bedeutung qualifizierter Restaurierung und fordern eine staatlich anerkannte, einheitliche Ausbildung, die wissenschaftliche Grundlagen und praktische Werkstattarbeit verbindet. Im internationalen Vergleich sieht der Artikel Nachholbedarf. Eine endgültige Entscheidung über die zukünftige Struktur der Restaurator:innen-Ausbildung steht noch aus. Zitat aus dem Artikel: „Restaurierung ist ein eigenständiges Berufsbild mit klaren Anforderungen und Qualitätsmaßstäben.“
Auch der Trierische Volksfreund berichtet 1989 im Zusammenhang mit der DRV-Tagung in Trier über die Situation der Restauratorenausbildung, für die es noch keine klare Festlegung gebe. DRV, AdR und DVFR befürworten eine Ausbildung auf Fachhochschulebene.

Der DRV richtete, in Verbindung mit den jährlichen Mitgliederversammlungen, mehrtägige Fachtagungen aus. Bereits die skandinavisch-deutsche Fachtagung in Kopenhagen und Lübeck 1965 verdeutlicht das Bestreben um einen internationalen Austausch. Maßgeblich für die Entwicklung konservatorischer Standards war zum Beispiel die Tagung 1977 in Augsburg. Dort stellte der Arbeitsausschuss Kunsttransport seine Überlegungen vor, die zur praktischen Entwicklung der Klimakiste für den Transport von Kunstwerken führten. Die Tagung 1989 in Bregenz widmete sich der Dokumentation im Bereich der Konservierung und Restaurierung. Sie wurde in Kooperation mit dem österreichischen (ÖRV) und schweizerischen Verband (SKR/SCR) veranstaltet. Ein Meilenstein nach der deutschen Wiedervereinigung 1990 war die gemeinsame Tagung des DRV mit der Sektion Restauratoren des Verbandes Bildender Künstler der ehemaligen DDR 1991 in Kassel. Ihr programmatischer Titel lautete „Zur Situation der Restaurierung in Deutschland – Bestandsaufnahme und Erfahrungsaustausch“. Die starke internationale Orientierung des DRV unterstreicht wiederum die Tagung 1999 in Kiel. Sie fand in Kooperation mit dem Dänischen Nationalmuseum statt und zu dem zweisprachigen (de/en) Tagungsprogramm leisteten dänische Kolleg:innen zahlreiche Beiträge. Im Jahr 2000 wurde angesichts der bevorstehenden Fusion der Verbände zum VDR mit dem Restauratoren-Fachverband (RFV) und dem Restauratorenverband Sachsen (RVS) eine Tagung in Berlin veranstaltet, die auch das Einverständnis in Hinblick auf die verbands- und berufspolitischen Ziele zum Ausdruck brachte.

DRV-Mitteilungen aus den Jahren 2000 und 2001 kurz vor der Fusion. Quelle: VDR-Archiv Bonn

Mitteilungen und Publikationen

Die Verbandsmitteilungen des DRV wurden seit 1958 in der Zeitschrift Maltechnik, die sich 1972 in Maltechnik-Restauro umbenannte, veröffentlicht. Zudem erhielten die Mitglieder von 1979 bis 1985/86 die Mitteilungen des DRV, die insgesamt über 80 Fachbeiträge, mehrheitlich die schriftlichen Fassungen der Vorträge der jährlichen Verbandstagungen versammelten. Ab 1987 konzentrierten sich die Mitteilungen wieder auf die Aktivitäten und Belange des Verbandes. Der AAMA informierte seine Mitglieder in Ausbildung mit einem eigenständigen Bulletin, dem Forum. Die Tagung 1989 in Bregenz nahm eine Sonderstellung ein, da ihre Akten 1994 gemeinsam mit dem ÖRV und dem SKR/SCR in einer eigenen Konferenzschrift herausgegeben wurden. Verbandsintern erschienen 1995 unter Federführung von Wolfram Gabler und Babette Hartwieg, die DRV–Grundlagen, eine Textsammlung zur Theorie, Ethik und zum Berufsbild der Konservierung und Restaurierung, 1996 erfolgte eine erweiterte Neufassung von Jürgen Böhme und Ulrich Schießl unter dem Titel Handbuch des Deutschen Restauratoren Verbandes.

ZKK, Jg. 1 (1987), Heft 1, Titelblatt
ZKK, Jg. 3 (1989), Sonderheft zum Verbandsjubiläum, Titelblatt

1987 wurde die international renommierte Zeitschrift für Kunsttechnologie und Konservierung (ZKK) aus der Taufe gehoben, die bis heute in der Wernerschen Verlagsgesellschaft in Worms erscheint. Bis 2000 war sie gleichzeitig auch das Publikationsorgan des DRV. Eine enge Verbindung zum Verband bestand durch die Herausgeber der Gründungszeit, Karl Werner Bachmann, Helmut F. Reichwald, Ulrich Schießl und den Kunsthistoriker Wolfgang Wolters. 1992 kam Wolfram Gabler hinzu, um die Belange des DRV zu vertreten. Viele der Fachbeiträge entstanden aus Vorträgen der DRV-Jahrestagungen und aus Diplomarbeiten. Bereits im ersten Heft der ZKK verdeutlichten die Verbandsmitteilungen des DRV die berufspolitischen Ziele. Bachmann stellte die von 1977 bis 1986 entstandenen „Diplomarbeiten des Studiengangs »Restaurierung und Technologie von Gemälden und gefaßten Skulpturen« der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart“ vor. Die internationale Perspektive des Verbandes reflektieren auch die Beiträge verschiedener Autor:innen 1991 über die „Berufssituation des Konservators/Restaurators in Europa“. Die ZKK widmete im Jahr 1989 dem 30-jährigen Jubiläum der Verbandsgründung des DRV ein Sonderheft.

Mein Dank gilt Jürgen Böhme, Hans Brammer, Jens Hofmann, Andreas Menrad und Renate Poggendorf für wertvolle Hinweise, Ergänzungen und Korrekturen sowie Prof. Dr. Anna von Reden, Mona Konietzny und Eva Tasch, Dr. Ferdinand Werner und Reinhard Dietrich, Christine Hoffart und Dr. Dörte Jakobs, die uns durch Bild- und Archivmaterialien unterstützt haben.

Das Jubiläumsteam freut sich auch weiterhin über Zuschriften und Material zu den Vorgängerverbänden!

Hinterlassen Sie einen Kommentar