Ein Kommentar von Nadine Thiel Weitsicht trifft Kurzsicht – und die Restaurierung zahlt den Preis

Wie steht es um die Restaurierung in den nächsten 20 Jahren?
Ein Blick nach Köln und Berlin zeigt: Es könnte kaum gegensätzlicher sein!

In Köln denkt man langfristig. Die römischen Denkmäler sollen bis zum 2.000-jährigen Stadtjubiläum 2050 umfassend restauriert werden (s. WDR). Der Kunst- und Kulturausschuss hat einstimmig beschlossen, zunächst den Restaurierungsbedarf systematisch zu erfassen – ein klarer kulturpolitischer Auftrag mit Weitblick.

Doch diese Weitsicht endet an der Landesgrenze. Denn wer soll all diese Arbeiten in 20 Jahren überhaupt noch ausführen? Während Köln vorausdenkt, wird andernorts die Grundlage für solche Projekte schrittweise entzogen.

Archäologische Restauratorinnen und Restauratoren sind hochspezialisierte Fachkräfte. Ihre Ausbildung konzentriert sich bislang in Berlin. Genau dort aber wird derzeit das zentrale Studienangebot der archäologischen Restaurierung abgebaut. Mit der Einstellung des Studiengangs Konservierung, Restaurierung, Grabungstechnik an der HTW Berlin verschwinden bundesweit einzigartige Ausbildungsstrukturen. Gleichzeitig scheint sich die Hauptstadt generell von ihrem ungewöhnlich breiten Spektrum archäologischer Studienzweige zu verabschieden: Auch die Archäologie an der Humboldt‑Universität steht seit einigen Tagen auf der Streichliste. Eine Petition läuft bereits.

Parallel dazu werden neue Museumsbauten vorangetrieben – auch in Berlin. Das ist kein Sparkurs mit Strategie, sondern ein struktureller Widerspruch.

Hier zeigt sich ein Problem, das im deutschen Föderalismus immer wieder sichtbar wird: Kulturhoheit ist Ländersache – doch die Folgen kulturpolitischer Entscheidungen enden nicht an Landesgrenzen.

Berlin spart für sich, doch die Auswirkungen tragen alle.

Zum Beispiel Köln, das langfristig plant. Oder Düsseldorf, wo auf Beschluss des Bundestags das neue Deutsche Fotoinstitut entstehen soll – mit einer siebenköpfigen Abteilung für Fotorestaurierung als Herzstück. Auch dieses hochspezialisierte Fachgebiet wird singulär an der HTW ausgebildet.

Museen, Denkmalbehörden, Grabungsfirmen, Forschungseinrichtungen in der ganzen Bundesrepublik sind auf Fachkräfte angewiesen, die es ohne entsprechende Studienangebote bald nicht mehr geben wird.

Der Föderalismus funktioniert nur, wenn Länder ihre Verantwortung nicht isoliert verstehen.

Weitsicht in einem Bundesland kann durch Kurzsicht in einem anderen konterkariert werden. Wenn kleine, aber gesellschaftlich relevante Fächer weiter ausgedünnt werden, entsteht ein bundesweiter Fachkräftemangel, der sich nicht kurzfristig beheben lässt. Die Konsequenzen treffen nicht nur die Denkmalpflege, sondern auch Tourismus, Wirtschaft und die kulturelle Identität der gesamten Republik.

Kulturelles Erbe ist eine gemeinsame Infrastrukturleistung – und sie braucht Verantwortung in Politik und Fachkräfte, die sie tragen können.

Nadine Thiel
VDR-Präsidentin

Abbildungen: Der Römerturm (links), das Römergrab in Köln-Weiden (Mitte) oder die Originalfundamente des Praetoriums sind nur drei der zahlreichen archäologischen Stätten der Stadt.
Fotonachweis: Mediatus – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10772232, © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons), CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=128892632 und CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=22774300
Titelbild: Römische Münzen, Pixabay

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