Accessoires mit Spitze, prachtvolle Kostüme, Uniformen und Fahnen, archäologische Funde, aber auch Polster, Wandbespannungen und Filmrequisiten zählen zu den Dingen, die Textilrestaurator:innen für die Nachwelt bewahren.
Dabei sind die Expert:innen gefragt. Oft reisen sie viele Kilometer durchs Land, um die fragilen Textilien in Augenschein zu nehmen und vor dem Verfall zu bewahren.
Umso mehr freuen wir uns über einen Werkstattbesuch bei Sibylle Ruß in Bamberg, die eine der Spezialist:innen auf diesem Gebiet ist und uns mehr über ihre Arbeit als freiberufliche Textilrestauratorin verrät.
Eine Reportage von Nina Lenze
Auf textilen Spuren
Mit einem freundlichen Lächeln begrüßt mich Frau Ruß an der Schwelle ihrer Werkstatt, die im Souterrain einer klassizistischen Stadtvilla mitten in Bamberg liegt. Links öffnet sich ein großer heller Raum, in der Mitte ein beeindruckender Arbeitstisch. Rechts verbergen sich hinter einer weiteren Wohnungstür mehrere Büroräume.

„Früher waren Textilien noch echte Luxusgüter und hatten einen viel höheren Stellenwert“, erzählt Sibylle Ruß. Die Materialien waren kostbar, und die Herstellungs- und Verarbeitungstechniken äußerst diffizil. „Ich bin immer wieder von der Vielfalt der Materialien und der Techniken beeindruckt. Es gibt unendliche Kombinationen“, schwärmt sie.
Textilien wurden im musealen Kontext lange Zeit wie Stiefkinder behandelt. „Hier hat sich in den letzten Jahren jedoch einiges getan“, so Sibylle Ruß. Denn Stoffe und Bekleidung verraten viel über die jeweiligen Lebensumstände und sind somit ein wichtiger Bestandteil kulturhistorischer Arbeit.
Von klein auf von Stoffen umgeben
„Ich selbst wollte nach der Schule weg von der reinen Kopfarbeit. Und der Umgang mit Textilien lag mir im Blut. In meiner Familie gab es Weber und Musterzeichner, und meine Oma war Hutmacherin. Stoffe waren bei uns etwas Alltägliches. Den letzten Anstoß haben die Bilder der Textilien aus dem Bamberger Clemensgrab gegeben, die mich unheimlich fasziniert haben.“
Die Ausbildung war damals sehr fachbezogen, und da Sibylle Ruß schon immer ein Faible für Stickereien hatte, ging sie 1976 nach Bad Honnef, um in einer Klosterwerkstatt eine Handstickereilehre zu absolvieren. Danach folgte ein Volontariat im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg, wo sie bis 1985 angestellt war. „Der dortige Textilbestand ist fantastisch und genießt auch innerhalb der Fachwelt einen sehr hohen Stellenwert.“
Worauf es ankommt
Sibylle Ruß begegnet den Textilien grundsätzlich mit großer Offenheit. Häufig hat sie es mit Materialkombinationen zu tun. Denn textiles Material wurde seit jeher mit Werkstoffen wie Glas, Holz, Stroh, Metall, Leder, Bein oder auch Papier kombiniert. Entsprechend benötigt die Restauratorin umfassende Kenntnisse über Materialeigenschaften und Verarbeitungstechniken. Wie in allen Restaurierungsrichtungen muss sie erst einmal ergründen woher das Objekt kommt und warum es sich in diesem Zustand befindet. Da jedes Stück einzigartig ist, ist bei der Konzeptfindung durchaus Kreativität gefragt. Auch braucht es für die Ausführung immer wieder individuelle Lösungen. „Das wird nie langweilig!“.

Die Lesbarkeit erhalten
Der Umgang mit den textilen Objekten hat sich in den letzten Jahren grundlegend geändert. Noch in den 1950er Jahren ging es in erster Linie darum, die Spuren der Zeit, also die Objektbiographie, weitgehend zu eliminieren, was teils auch den Austausch von Materialien und den Verlust von einem Stück Objektgeschichte mit sich brachte. Heute akzeptiert man wenn möglich vorhandene Falten, Runzeln und ähnliches und lässt diese sichtbar.
Hauptsächlich in der Region unterwegs
Zurück in Bamberg machte sich Sibylle Ruß selbständig und eröffnete eine eigene Werkstatt. Dabei ist sie hauptsächlich in Franken beziehungsweise in Nordbayern unterwegs, wo es noch viele kleinere Museen gibt: „Oft muss der Bestand überhaupt erst inventarisiert werden, wo ich gerne unterstützend mitwirke und auch in Lagerungsfragen berate.“ Einen inhaltlichen Schwerpunkt gibt es nicht. „Das kann man sich als Freiberuflerin eigentlich auch nicht leisten. Vermutlich würde ich aber keine frischen Grabfunde annehmen, und auch keine übermäßig großen Gobelins, die ich allein gar nicht bewältigen könnte.“

Eine berufliche Sternstunde: Die Bamberger Kaisergewänder
Die Mitarbeit an dem von der DFG geförderten Forschungsprojekt „Kaisergewänder“ war ein absolutes Highlight in ihrer beruflichen Laufbahn. Es ging um die Analyse der Entstehungsgeschichte der Kaisergewänder des Bamberger Domschatzes, die dem Kaiserpaar Heinrich II. und Kunigunde zugeschrieben werden und weltweit die ältesten erhaltenen Textilien europäischer Herrscher sind. Die Heinrichsgewänder wie etwa der sogenannte Sternenmantel von 1020 sind ein bedeutendes Werk mittelalterlicher Textilkunst. Da die Gewänder im Laufe der Jahrhunderte mehrfach restauriert wurden, wobei Goldstickereien teils auch ausgeschnitten und auf neue Seidengewebe übertragen wurden, lassen sich an ihnen unterschiedliche Deutungen und Materialien aus verschiedenen Zeiten ablesen. Gegenstand der Untersuchung war sowohl die inhaltliche Konzeption als auch die handwerkliche Umsetzung.
„Faden für Faden haben wir untersucht. Die Feinheiten der Stickereien sind fantastisch! Ein tolles Projekt, das mir sehr viel Spaß gemacht hat.“

Vom Ausbildungsberuf zum wissenschaftlichen Studiengang
Ein überregionaler fachlicher Austausch wie bei diesem Projekt ist unter Freiberufler:innen sehr wichtig, denn in ganz Bamberg gibt es beispielsweise nur zwei Textilrestaurator:innen. „Dank der Fachgruppe Textil im Verband der Restauratoren findet seit vielen Jahrzehnten ein intensiver Austausch statt.“ Während man früher über eine Lehre zur Textilrestaurierung gekommen ist, gibt es heute einen eigenen Studiengang in Köln. Das Fach wurde auf eine wissenschaftliche Basis gestellt. „Das haben wir uns als Textilrestaurator:innen lange gewünscht.“
Textilrestaurierung mit viel kreativem Potential
Kulturgut zu bewahren ist eine vielseitige Aufgabe. Wer sich näher mit dem Beruf der Textilrestaurierung beschäftigt, wird überrascht sein, welche Fülle an Materialien, Techniken und natürlich auch Objekten es gibt. „Grundsätzlich kann man sich aber in jede Sparte einarbeiten“, meint Sibylle Ruß. Die Liebe zum Material ist natürlich Voraussetzung. Vieles ist Learning by Doing, da man immer wieder mit neuen Herausforderungen konfrontiert wird. Dafür kann man seiner Kreativität, zumindest innerhalb eines gewissen Rahmens, freien Lauf lassen. „Und nach dem Studium dann ein paar Jahre im Museum arbeiten, das wäre mein Tipp für angehende Textilrestaurator:innen.“
