An diesem Dienstag im Oktober ist die Restaurierungswerkstatt „Kunstgriff“ von Linda Schäfer-Krause und Dorothee Fobes-Averdick gut besucht. Normalerweise arbeiten die beiden Restauratorinnen hier gemeinsam mit einer Angestellten, häufig unterstützt von freien Mitarbeiter:innen und einer Vorpraktikantin. Nun aber hatten sich 16 Schüler:innen des Leistungskurses Kunst vom Geschwister-Scholl-Gymnasium in Berenborstel bei Hannover angemeldet. Der Besuch in der Restaurierungswerkstatt gehört für sie zu einem dreitägigen Programm in Köln, das von Kunst-Lehrerin Lara Brockhage und der Referendarin Lena Körtig zusammengestellt worden war.
„Während der Kursfahrt werden wir natürlich auch Museen besuchen und Kunst sehen. Mir ist es aber auch sehr wichtig, dass die Schüler:innen mehr darüber erfahren, welche Aufgaben und Möglichkeiten es in der Kunstwelt gibt. Dazu gehört auch der Beruf des Restaurators und der Restauratorin, über deren Arbeit öffentlich oft nicht viel bekannt ist, weil sie nur indirekt wahrgenommen wird“, erzählt Lara Brockhage.


Den gewünschten Blick hinter die Kulissen können Linda und Dorothee geben, denn sie haben einiges an Anschauungsmaterial vorbereitet. Zuvor erzählen sie davon, wie sie sich während des Studiums kennenlernten, gleich sehr gut verstanden haben und sich gemeinsam selbstständig machten. Das war vor 13 Jahren und seither haben sich die beiden Diplom-Restauratorinnen eine gut gehende Restaurierungswerkstatt aufgebaut. „Wir sind beide auf die Konservierung und Restaurierung von Gemälden und Skulpturen spezialisiert. Häufig haben wir es mit alten Kunstwerken zu tun, aber hin und wieder arbeiten wir auch mit modernen Arbeiten und Materialien“, sagt Linda. Die angemieteten Räume im Quartier am Hafen in Köln-Poll gehören zu einem Atelierhaus für Künstler:innen, aber die beiden Restauratorinnen hatten, ebenso wie eine weitere Restaurierungswerkstatt, Glück hier ebenfalls unterzukommen und eines der über 80 Ateliers beziehen zu können.
Weiter erfahren die Schüler:innen, dass man vor dem Studium ein Praxisjahr absolvieren und dann eine Aufnahmeprüfung an der gewünschten Hochschule machen muss. Es sei ein Studium, sagt Linda, in dem es neben künstlerischen Aspekten auch einiges an Naturwissenschaft, zum Beispiel Chemie, im Lehrplan gebe. Früher oder später spezialisiere man sich dann auf ein Fachgebiet, von denen es neben Gemälde und Skulpturen noch viele weitere gebe, darunter Metall, Holz, Textil, zeitgenössische Kunst, Glas, Stein, archäologische Objekte, Kunsthandwerk und Wandmalerei.
Nun kommen die ersten Fragen der Gäste im Atelier: Woher kommen eigentlich die Bilder? Wie lange dauert der Restaurierungsprozess? Und was passiert, wenn man einen Fehler macht?


Die Restauratorinnen erzählen, dass sie häufig für Museen und kirchliche Auftraggeber wie den Kölner Dom, arbeiten, aber dass auch Privatleute Aufträge vergeben. Wie lange eine Restaurierung dauere, hänge natürlich vom Zustand des Werkes ab. Manchmal sei es mit einer Reinigung getan, ein anderes Mal müsse man aufwendig Risse in der Leinwand des Bildes schließen. Und vor Fehlern sei man zwar nie hundertprozentig sicher, aber die generell sehr bedachtsame Vorgehensweise von Restaurator:innen und die Tatsache, dass sie sich jederzeit miteinander beraten könnten, würde leichtfertiges Handeln sehr unwahrscheinlich machen. Eine entsprechende Versicherung sei ebenfalls wichtig. Häufig hätten Restaurator:innen es jedoch mit früheren Fehlern, beziehungsweise Vorgehensweisen zu tun, die in der heutigen Restaurierung als veraltet gelten. Zum Beispiel gelte heute der wichtige Grundsatz, dass jede vorgenommene Restaurierung reversibel sein muss, dass sie also rückgängig gemacht werden kann.
Auf die Frage, was das Schwierigste war, das sie je restauriert hätten, erinnert sich Dorothee an eine größere Herausforderung. „Das Schwierigste war vermutlich die Konservierung und Restaurierung des Tafelgemäldes „Die heilige Sippe“ von Derrick Baegert aus dem Kaiser Wilhelm Museum in Krefeld. Die Tafel, um 1500 entstanden, hatte große Fehlstellen, das heißt eine umfangreiche Retusche-Arbeit war notwendig. Das war auch deshalb so schwierig, weil einige Fehlstellen ausgerechnet in der Gesichtspartie einer Figur lagen und damit besonders heikel waren.“
Grundsätzlich gehöre zum Beruf auch eine ausführliche Dokumentation, erzählen die Restauratorinnen. „Denn man muss fotografisch und schriftlich festhalten, was man im Detail gemacht hat. Für die Geschichte des Kunstwerkes und für spätere Restaurator:innen sind das wertvolle Informationen.“


Nun ist es an der Zeit zu erklären, was es mit dem abgeschlossenen Raum innerhalb des großen Ateliers auf sich hat. Durch mehrere Fenster sieht man neben restauratorischen Gerätschaften auch eine Reihe von Büsten in den Regalen der Kammer. Dabei handelt es sich um Reliquienbüsten aus der sogenannten Goldenen Kammer, die sich in der Kirche St. Ursula in Köln befindet. Die Heilige Ursula ist mit Köln in besonderer Weise verbunden, da sie als Märtyrerin hier gestorben sein soll. Über ihrem vermuteten Grab entstand die Basilika St. Ursula, eine der bedeutenden romanischen Kirchen Kölns.
Als die Konservierung und Restaurierung der Ausstattung der Goldenen Kammer anstand, hatten sich die Restauratorinnen von „Kunstgriff“ auf diesen Auftrag beworben – und auch erhalten. Dafür ließen sie eine Schutzkammer, die über eine eigene Belüftung verfügt, in ihr Atelier einbauen. Seit 2022 arbeiten sie an diesem Auftrag und nutzen die Kammer, in der Objekte, die mit Schadstoffen oder Schimmel belastet sind, bearbeitet werden können. Zu den belasteten Werken gehören auch die Reliquienbüsten, die in den 1970er Jahren mit Holzschutzmitteln behandelt worden waren, nachdem man einen Befall mit holzzerstörenden Insekten entdeckt hatte. Weil die giftigen Holzschutzmittel ausdünsten, finden die Arbeiten nur mit Schutzanzügen, Atemschutz und Handschuhen statt. Eine aufwendige, aber lohnenswerte Arbeit, die bald abgeschlossen sein wird.
Zum Abschluss ihres Besuches dürfen die Schüler:innen noch einen Blick durch die beiden Stereomikroskope werfen und sich in vielfacher Vergrößerung die Vorderseite eines Gemäldes mit der Malschicht sowie die Rückseite eines Gemäldes, das einen großen Riss in der Leinwand aufweist, anschauen.

Insgesamt wirkte die Schüler:innengruppe sehr aufmerksam und interessiert. Vielleicht konnte sogar die ein oder andere Nachwuchs-Restauratorin gewonnen werden.
Smilla, 17: „Eigentlich wolle ich bisher etwas mit Kunst machen, aber nach dem Besuch kann ich mir vorstellen, mich näher zum Beruf zu informieren. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass es so viele unterschiedliche Fachgebiete gibt und dass man die Restaurierung wieder wegmachen könnte.“
Ylvi, 17: „Ich kannte den Beruf gar nicht, kann mir aber gut vorstellen das zu machen.“
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Ein Beitrag von Gudrun von Schoenebeck aus der VDR-Online-Redaktion