Ein Gespräch mit Mine Erhan und Dr. Frank Seehausen Ein Wochenende für Hannovers Denkmale

Als Hannoveranerin und Vertreterin der VDR-Fachgruppe Moderne und Zeitgenössische Kunst interessiert mich in diesem Jahr besonders, was der Tag des offenen Denkmals in Hannover zu entdecken gibt. Denn die Stadt verfügt über einen bemerkenswert vielfältigen Denkmalbestand, der in der öffentlichen Wahrnehmung noch längst nicht ausgeschöpft ist.

Grundlage für diesen Beitrag ist ein Gespräch mit Dr. Frank Seehausen, Leiter der Baupflege und Denkmalschutz Hannover, über das erstmals auf zwei Tage ausgeweitete Programm. Unter dem Motto „Netzwerke, Denkmale und Infrastruktur“ öffnen am 12. und 13. September zahlreiche Orte ihre Türen: von historischen Bauten über Zeugnisse der Industrialisierung und den Siedlungsbau der 1920er Jahre bis zur Nachkriegsmoderne. Möglich wird dieses umfangreiche Programm auch durch die Unterstützung von Oberbürgermeister Belit Onay und Baudezernent Thomas Vielhaber, die sich für die Bedeutung und Sichtbarkeit der Denkmalpflege in Hannover einsetzen.

Mine Erhan im Gespräch mit Dr. Frank Seehausen

Der Tag des offenen Denkmals wird in Hannover erstmals zum Wochenendformat. Was erwartet die Besucherinnen und Besucher?

Seehausen: Es gibt in dieser Stadt enorm viel zu sehen und der Denkmalbestand Hannovers ist in der Öffentlichkeit kaum bekannt. Dabei gibt es hier herausragende Bauten aus der Zeit der Kurfürsten und Könige, aus der Zeit der Industrialisierung, als Hannover mit seinen großen Firmen international präsent war, dem zwischen Sachlichkeit und Expressionismus aufgespannten Siedlungsbau der 1920er Jahre und natürlich der Architektur der Nachkriegsmoderne, als die Stadt als Pionier eines modernen Wiederaufbaus galt.

Wir haben uns daher entschlossen, den Tag des offenen Denkmals an zwei Tagen stattfinden zu lassen und verschiedene thematische Schwerpunkt anzubieten, sodass man möglichst entdecken und erleben kann. Entsprechend vielschichtig ist das Programm, neben klassischen Besichtigungen gibt es Radtouren, Spaziergänge, Vorträge, Konzerte und sogar einen „Denkmalgottesdienst“ – Bauten, Räume und Zusammenhänge sollen mit allen Sinnen erlebt werden.

Die Martinskirche in Hannover wird mit Führungen, Konzerten und einem Gottesdienst erfahrbar sein.

Welchen Programmpunkten sollte man an diesem Wochenende besonderes Augenmerk schenken?

Dem bundesweiten Thema Netzwerk und Infrastruktur entsprechend gibt es beispielsweise eine Fahrradtour zu Bahnbauten und den künstlerisch bedeutenden Eisenbahnbrücken, die um 1908 etwa in der Südstadt gebaut wurden.

Dieter Oesterlens St. Martinskirche, eine Perle der Nachkriegsmoderne, wird mit Führungen, Konzerten und einem Gottesdienst sehr sinnlich erfahrbar. Eine Architekturhistorikerin der Leibniz-Universität führt durch Siedlungen der 1920er Jahre in der Südstadt und Kleefeld, unterstützt durch einen Spezialisten für Garagenbauten der 1920er und 1950er Jahre (Hannover war damals eine hochmotorisierte Stadt), was sich gut mit der Besichtigung des Anzeiger Hochhauses von Fritz Höger und der Stadtbibliothek verbinden lässt, die 1931 nach Plänen von Karl Elkert und Hans Bettex als erste Turmbibliothek in Europa eröffnet wurde und der damals hochmodernen Pädagogischen Akademie die von Franz Erich Kassbaum 1929 geplant wurde.

Auch Restaurierungen stehen auf der Tagesordnung, die Fragmente der ältesten Sgraffito-Fassade (Haus Biedenweg in der Prinzenstraße) wurden erst in diesem Jahr konserviert und restauriert, sie werden zusammen mit den frischen Befunden im Künstlerhaus gezeigt, ebenso die laufende Restaurierung der neugotischen Glasurziegelfassade des „Gröne Hus“ in der Sextrostraße.

Das Anzeiger Hochhaus steht auf dem Programm
Die Sgraffito-Fassade in der Prinzenstraße gibt Einblick in das Feld der Restaurierung.

Welche Rolle spielen die Moderne und die Zeitgenössische Kunst im diesjährigen Programm – und welche Orte sollte man in diesem Zusammenhang besonders entdecken?

Hannover hat drei wichtige und architektonisch sehr unterschiedliche Museumsbauten der Nachkriegs-/ Spätmoderne: Das Museum August Kestner von Werner Dierschke, entworfen um 1958, das sich wie eine Schatzkiste aus Glasbetonsteinen um den Altbau legt. Das meisterhaft mit dem Stadtraum verwobene Historische Museum, das Dieter Oesterlen im Rahmen eines Wettbewerbs 1960 konzipierte und das 1972 ebenfalls aus einem großen Wettbewerb hervorgegangene Sprengel Museum von Peter und Ursula Trint und Dieter Quast, das mit seinem vielschichtig verwobenen Räumen Schwellen abbauen und ständig neue Eindrücke und Bezüge ermöglichen wollte. Dazu kommt noch der KUBUS, ein städtischer Ausstellungssaal, den Alfred Müller-Hoppe 1962 als geschlossene Kiste über einem rahmenlos verglasten Geschoss schweben ließ. Gebaut wurde der KUBUS übrigens in Verbindung mit der alten Volkshochschule wodurch deutlich wird, wie sehr man damals Kunst als Bildungsauftrag verstand. Um Zusammenhänge zu entdecken, bieten wir nicht nur Touren durch alle drei Museen an, sondern auch eine Tour zur Kunst am Bau der 1960er und 1970er Jahre, die auch die große Stahlplastik von Erich Hauser an der Fassade des KUBUS thematisiert.

Restaurierungsarbeiten, Grönes Hus.

Der Tag des offenen Denkmals lebt von vielen Beteiligten. Wer sorgt in Hannover dafür, dass dieses vielfältige Programm entsteht?

Der Tag des offenen Denkmals ist ein europaweites Format. Vor allem aber ist es ein Tag der engagierten Bürgerinnen und Bürger, der immer wieder zeigt, dass die Bewahrung unseres Kulturguts eine wichtige gesellschaftliche und uns alle verbindende Aufgabe ist. Wir freuen uns daher über die enorme Vielfalt der Beteiligung: Schülerinnen und Schüler führen durch ihre Schule, Konzerte werden gegeben, Eigentümer öffnen ihre Baustelle, es wird eine Vielzahl an sehr unterschiedlichen Zugängen geben.

Dat Gröne Hus

Fotos: Dr. Frank Seehausen
Text: Mine Erhan

Weitere Infos zum Aktionstag in Hannover

Die Städtische Denkmalpflege hat den vielschichtigen Angeboten einen Rahmen gegeben, Broschüre, Karten und Plakate erstellt und einige eigene Programmpunkte konzipiert.

Das tagesaktuelle Programm und Hintergrundinformationen sind online abrufbar:
Tag des offenen Denkmals in Hannover 2026 – Hannover.de

Der Tag des offenen Denkmals lädt dazu ein, Hannover aus neuen Perspektiven zu entdecken und Architektur, Kunst und Stadtgeschichte unmittelbar zu erleben. Das vielfältige Programm mit Führungen, Radtouren, Vorträgen und Konzerten bietet dafür zahlreiche Möglichkeiten.

Das vollständige Programm und aktuelle Informationen zum Tag des offenen Denkmals in Hannover finden Sie hier: Tag des offenen Denkmals in Hannover 2026 – Hannover.de

Weiterführende Informationen: https://presse.hannover-stadt.de/pmDetail.cfm?pmid=30366
Bundesweiter Tag des offenen Denkmals: https://www.tag-des-offenen-denkmals.de

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